avatacoat

Go to content Go to navigation Go to search

Der Pfad zu linken Hand revisited: Silenos · 27 Juli 2025, 17:32 by Medusa Cramer

Das ist der letzte der ausgewählten Texte des Pfades zu linken Hand. Vielleicht kommt irgendwann Teil zwei. Stay tuned.

Bei einer Quelle; Plätschern. Schnarchen Silenos.

Silenos liegt für eine Weile schnarchend am Boden. Von verschiedenen Seiten nähern sich Schritte im Laub. Die Häscher von König Midas schleichen sich heran. Ein Signal ertönt, er wird gepackt und festgehalten. Silenos, überrascht, gibt halb Tier-, halb menschartige Laute von sich, Geräusche eines Kampfs. Ein Offroader nähert sich, Türen klappen; Midas kommt hinzu.

Midas: Silenos. Haben wir ihn endlich.
Silenos: Grunzt Tierlaute.
Midas: Offenbar ist es doch nicht so schwer, einen alten Saufaus wie ihn einzufangen.
Silenos: Lasst mich. Was willst du, Midas. Ich hab dir nichts getan.
Midas: Er schuldet mir eine Antwort, er erinnert sich?
Silenos: Ich weiß nicht wovon du redest. Lasst mich!
Midas: Wir wollen ihm helfen. Wir sprachen vor einiger Zeit darüber, was für den Menschen das Allerbeste sein könnte. Er hat sich damals davongestohlen und wird uns nun eine Antwort auf unsere Frage geben.
Silenos: Du lässt mich einfangen, um mit mir Konversation zu treiben? Seid ihr verrückt? Lasst mich los!
Midas: Lasst ihn.
Silenos: Wischt sich die Kleider.
Midas: Nun?
Silenos: Was hat einer wie ich schon zu sagen, ich weiß nicht, was dir meine Meinung nützen soll. Ich gehe jetzt. Tschüß!
Die Männer halten Silenos erneut fest, gescheiterter Fluchtversuch, man dreht ihm den Arm auf den Rücken, Silenos schreit vor Schmerz.
Midas: Er hat uns nicht verstanden. Er soll uns jetzt eine Antwort geben, sonst lassen wir Pferdesteak aus ihm machen.
Silenos: Ah! Hört auf, was weiß ich denn, es hat doch jeder seine eigene Vorstellung davon, was für ihn das Allerbeste ist. Nun lasst mich!
Midas: Wir hätten aber gerne eine etwas genauere Aussage, das versteht er doch, unser Silenos. Er wird uns jetzt belehren, sonst geht’s ihm schlecht.
Silenos: Aaah! Nicht meine Ohren! Hört auf! Hört auf!
Midas: Na? Wird‘s bald? Muss man ihm erst ins Bein schießen? Schieß‘ er ihm ins Bein.
Silenos wird zu Boden gestoßen. Ein Schuss. Silenos schreit, stöhnt, man packt ihn und hebt ihn auf zu Midas.
Midas: Spuck’s aus, Pferdegesicht, wird‘s bald.
Silenos: Schweigt verbissen.
Midas: Soll ich ihn erst aufschlitzen lassen? Sag es uns jetzt, du Missgeburt –
Silenos (Verzweifeltes Lachen bricht aus ihm, er spricht mit verfremdeter/dämonischer Stimme): Hahahahaha! „Elendes Eintagesgeschlecht, des Zufalls Kinder und der Mühsal, was zwingst du mich dir zu sagen, was nicht zu hören für dich das Ersprießlichste ist? Das Allerbeste ist für dich gänzlich unerreichbar: nicht geboren zu sein, nicht zu sein, nichts zu sein. Das Zweitbeste aber ist für dich – bald zu ster-“/Hantieren am Mikrofon, Schnitt. Nur noch die Quelle, der Wald. (Nietzsche: Die Geburt der Tragödie, S. 35)

Visited 1:
Erneutes Hantieren am Mikrofon.

Silenos: …ben!“
Betretenes Schweigen. Midas fasst sich:
Midas: Das… das ist alles, was er uns zu sagen hat? Sonst nichts?
Silenos: Was soll denn noch kommen. Vielleicht kommst du ja darauf, dass das alles Quatsch ist, such dir deinen Sinn doch selber, Tyrann.
Midas: Wir ähm… sind enttäuscht. Enttäuscht, enttäuscht. Gib’ er uns die Pistole. Mit diesem Zwitter machen wir jetzt ein für alle Male Schluss.
Bote kommt eilig hinzu.
Bote: Hallo! Hier ist er ja. Silenos!
Midas: Wer ist er denn.
Bote: Dion schickt mich, ich soll schauen, dass der Pferdekopf nach Hause kommt.
Midas: Der geht nirgendwo mehr hin. Für den nun das Allerbeste! Lädt Pistole.
Bote: Hey. Hey! Nun aber mal langsam. Du kannst ihn doch nicht einfach erschießen.
Midas: Können wir nicht? Sieh‘ er her!
Bote: Halt! Halt. Der Chef hat gesagt, dass ich in solchen Fällen etwas anbieten darf.
Midas: Etwas anbieten? Was hat er denn schon zu bieten, was wir nicht bereits besitzen?
Bote: Lass mich kurz überlegen…
Midas: Ha. Moment. Wir wissen etwas. Er soll bewirken, dass alles, was wir anfassen, zu Gold wird. Ganz unmetaphorisch. Völlig real.
Bote: Nun äh… ich kann ihn ja mal fragen.
Midas: Fragen? Dafür bleibt keine Zeit, wir erschießen ihn jetzt.
Bote: Gut, also gut. Du nimmst jetzt deine Pistole runter und dann soll‘s gelten.
Midas: Ok… Und nun?
Bote: Schau die Pistole an.
Midas: Hahaha, phantastisch, es funktioniert. Ganz schön schwer! Schönen Dank, wir verabschieden uns! Unsere Empfehlung an den Chef! Zu Silenos: Besser, er kreuzt unsere Wege nicht mehr. Klappen von Autotüren, Auto fährt weg.
Bote: Mannmannmann. Der Chef wird nicht erfreut sein. Andererseits: Bald wird er verhungern, unser Midas. Na, geht’s, Silenos? Brechen wir auf?
Silenos: Ja.
Die beiden gehen ab, Silenos humpelt mit, ächzt.

Visited 2:
Wald, Quelle. Silenos verbindet sich die Wunde, stöhnt, ächzt:
Dieser Mistkerl. Wo bekomme ich bloß etwas zu trinken in dieser Gegend?

Kommentare

Der Pfad zur linken Hand revisited: Acedia · 14 Juli 2025, 12:40 by Medusa Cramer

Im Szene-Café in einer Innenstadt. Dezent elektronische Musik im Hintergrund.
Rancor gähnt laut.

Malitia: Da kommt Lilith. Wir wären demnach vollzählig. Herr Vereinsvorstand?
Rancor: Vernehme ich hier leisen Spott gegenüber meiner Funktion? Warum du wohl deine wertvolle Zeit mit uns verbringst, Malitia? Ob das eher mit Selbstbefriedigung zu tun hat? Lilith tritt ein. Servus, Lilith. Geht’s?
Lilith: Danke. Ich bin zu spät, ich weiß.
Rancor: Geringfügig.
M: Das hat wenig mit Befriedigung zu tun. Dafür seid ihr einfach zu ungeil.
L: Wie meinen?
M: Vergiss es.
R: Lass Lilith doch mal erzählen, was sie Gutes für uns hat.
L: Pff… Was soll ich denn Gutes für euch haben? Bestellt euch einen Latte, wenn ihr was Gutes haben wollt.
M: Wollten wir nicht die nächste Aktion besprechen?
R: Sie ist wohl etwas gereizt heute.
L: Kümmer‘ dich um deinen Kram.
R: (zu Malitia): Hörst du, wie man mit mir spricht. Was hast du denn da Schönes in der Tasche?
L: Nichts für dich. Habe ich mir für teures Geld im „Sowieso“ erstanden. Ein Schal aus reziklierten, nicht verkauften Trendtextilien.
R: „Trendtextilien“?
L: Na ihr wisst schon. H&M, C&A und wie sie alle heißen. Anstatt alles Unverkaufte wegzuwerfen wird es wiederverwertet. Ein richtig sinnvoller, Schal, nicht?
R: Hm. Verstehe ich das jetzt richtig. Das begänne etwa so: Eine Rohstoffhandelsfirma kauft Baumwolle ein. Sagen wir in Westafrika, zum Beispiel an der Elfenbeinküste. Geerntet wird der Rohstoff von Bewohnern eines kleinen Dorfes, für fast kein Geld, ja? Ein lokaler Händler macht Ballen und verkauft die Baumwolle für etwas mehr Geld der lokalen Vertretung der Rohstoffhandelsfirma. Diese füllt einen Container mit den Ballen und verschifft ihn nach Asien, wo sie von Arbeitern, die wiederum einen Hungerlohn beziehen, gewaschen, zu Stoff gewoben und gefärbt wird. Dann werden Kleider daraus genäht – zu kaum einem besseren Lohn. Vielleicht das Doppelte davon, was die Pflückerin in Westafrika für ihre Monatsernte bekommen hat? Die Kleider werden nach Europa verschifft, kommen hier in die Läden. Läden, wo die Angestellten den gesetzlichen Minimallohn verdienen, aber immerhin vielleicht das Hundertfache der Pflückerin in Westafrika. Dann kauft niemand die Klamotten, weil sie zu billig aussehen oder nicht wirklich im Trend liegen. Das Bekleidungsunternehmen stößt die Kleider an eine Firma ab, die gebrauchte Textilien verarbeitet. Dann tritt unsere Alternativfirma auf den Plan. Sie kauft die geschredderten Textilien und macht daraus deinen Schal, der dir zu einem guten Preis verkauft wird und dir das Gefühl gibt, etwas ethisch Sinnvolles getan zu haben. Natürlich wird der Schal hyperkorrekt produziert, von einigermaßen „anständig“ bezahlten Näherinnen in Osteuropa, sagen wir für 500 Euro im Monat. Das Designatelier, das den Schal verkauft, kommt fast nicht über die Runden, weil zu kleiner Kundenkreis und zu hohe Produktionskosten, und sie drücken auf die Preise der Näherinnen. Ein Rohstoff ist um die Welt gegangen, hat zweimal sein Aussehen geändert und hinterlässt nur Betrogene. Ein trauriges Geschäft.
L: Mann, du verstehst es aber, einem die Freude an einem Einkauf zu verderben. Wenn ich den Schal nun in die Textilsammlung schmeiße, geht der Horror weiter, wie? Oder macht er am Ende jemanden in Rumänien glücklich? Die finden ihn dann wahrscheinlich zu abgefuckt, sieht zuwenig nach Gucci aus.
M: Genau… wir hingegen kaufen uns die Gucci-Tasche Second Hand bei Ebay und finden es cool, abgefuckte Luxuartikel mit uns herumzutragen, weil das irgendwie eine anarchische und wiederverwertungsethische Note hat.
R: Da fällt mir eine Passage in „der kommende Aufstand“ ein… wie ging das noch: Was übrig geblieben ist an aufklärerischen Idealen wird über so eine Art existentielles Shopping „zwischen den Stilen von Bars, Leuten, Designs oder Playlists“ einer pseudo-politisch korrekten Leit-Style-Luxus-Konsumkulturblase von Leuten wie uns, die irgendwo in der Medien- Design- oder Kunstmodeszene tätig sind, als modisches Accessoire zur Schau getragen. Wachstumsrücknahme und Apple Computer, Jutetasche made in Bangladesh.
L: Was jetzt, die Gucci-Tasche?
R: Viel mehr. Die Kleider, die wir anhaben, einerseits. Diese Retro- Achzigermode, die wir aus ausgeblichenen Videos der damaligen Subkultur kennen, von Filmen der Jugendbewegung. Unsere Art zu wohnen: Nicht zu bieder, bitte keine Hippie-WG, aber ein Greenpeace-Poster auf der Toilettentür. Unser Engagement hier in unserem Minigrüppchen: Den Markt über seine eigenen Mechanismen ethischer gestalten zu wollen. Wisst ihr, was wir damit eigentlich tun? Wir erklären ihn, den Markt, zur Grundlage jeder Reform. Jede andere Möglichkeit der Organisation einer Gesellschaft blenden wir von vornherein aus. Und dies teilweise zu Recht: Man misstraut den hergebrachten, linken Ideologien, die einen Plan für alles haben wollen, dem Kampf „gegen das Kapital“. Wir sind unentwirrbar in monetäre Beziehungsgeflechte verstrickt. Es ist ja nicht das externe, böse System; mittlerweile haben wir begriffen, dass wir das selber sind. Und so nähern wir uns langsam aber sicher dem allgemeinen Stillstand, wo wir alles, was nach Utopien klingt, aufgeklärt und etwas beschämt totschweigen. Und das, was es sein könnte, bannen wir in einen Post auf Facebook, als Deklaration auf unserer Identity-Titelrolle. Draußen nur noch die fickende Realität, und die bekommt immer mehr das Gesicht althergebrachter Zweiklassenkulturen. Und zu welcher Kaste wir dann gehören, ist auch klar. Nicht zu den Betrogenen, oder? Wie?
L: Jetzt bin ich aber völlig deprimiert. Schwarzmaler Rancor, der zeigt’s uns wieder mal. Schaut mal, dort auf dem Fernseher: Ist das nicht… wie hieß der noch. Der war doch mal Präsident irgendwo.
M: Keine Ahnung. Wer soll das sein?
R: Da haben wir bezüglich der jüngsten Geschichte aber eine Bildungslücke. Das ist Vaclav Havel.
L: Der rechts ist doch Milan Kundera. Der Schriftsteller. Mann, sind die alt. Scheint eine Doku über die Tschechoslowakei zu sein. He, Torpor, schalt mal den Ton ein!
Hintergrundmusik wird weggedreht, der Ton des Fernsehers aufgedreht.
K:“… Ein System entstand, ohne vorheriges Programm, beinahe durch Zufall, das wirklich noch nie dagewesen war: eine zu hundert Prozent verstaatlichte Wirtschaft, eine Landwirtschaft in den Händen von Kooperativen, keine zu reichen Leute, keine zu armen Leute, Schulen und medizinische Versorgung gratis (…). Ich weiß nicht, welche Zukunftsperspektiven dieses System hatte; in der damaligen geopolitischen Situation sicher gar keine; aber in einer anderen? Wer weiß? … Auf alle Fälle ist diese Sekunde, in der dieses System existierte, diese eine Sekunde ist großartig gewesen.“ (Milan Kundera: Der doppelte Geist des Jahres 1968. NZZ, 29. 1. 2011 – Nr. 24)
H: „Es sieht nicht so aus, als ob die traditionellen Demokratien ein Rezept zu bieten hätten, wie man sich grundsätzlich der Eigenbewegung der technischen Zivilisation, der Industrie- und der Konsumgesellschaft widersetzen könnte.“
R: Hört, hört! Da wären wir beim Thema.
L: Pst!
H: „Auch sie befinden sich ihrem Schlepptau und sind ihr gegenüber ratlos. (…) Aber (…) diese ganzen komplizierten Strukturen der versteckt manipulierenden und expansiven Zentren der Kumulation des Kapitals, dieses allgegenwärtige Diktat des Konsums, der Produktion, der Werbung, des Kommerzes, der Konsumkultur, diese ganze Informationsflut – all dies, schon so oft analysiert und beschrieben, kann man wahrhaftig nur schwer als eine Perspektive, als einen Weg betrachten, auf dem der Mensch wieder zu sich selber finde. (…)
Die Perspektive, in deren Richtung verschiedene Denker und verschiedene Bewegungen jenen unbekannten Ausweg vermuten, könnte man wohl ganz allgemein als die Perspektive einer umfassenden „existentiellen Revolution“ charakterisieren. Ich teile diese Orientierung, und ich teile die Ansicht, dass man den Ausweg nicht in irgendeinem „technischen Kniff“ suchen darf, das heißt, nicht in einem Projekt dieser oder jener nur philosophischen, nur sozialen, nur technologischen oder gar nur politischen Veränderung oder Revolution.“ (…) Die Perspektive der „existentiellen Revolution“, – wie ich sie nenne – ist, in ihren Konsequenzen – vor allem die Perspektive einer sittlichen Rekonstitution der Gesellschaft, das heißt der radikalen Erneuerung der authentischen Beziehung des Menschen zu dem, was ich „menschliche Ordnung“ nannte und was durch keine politische Ordnung ersetzt werden kann. Die neue Erfahrung des Seins; die Erneuerung der Verankerung im Universum; die neu ergriffene „höhere Verantwortung“; die neu gefundene innere Beziehung zu den Mitmenschen und zur menschlichen Gemeinschaft – dies ist offenbar die Richtung, um die es geht.
Und die politischen Folgen?“ –
Torpor schaltet den Fernseher aus und die Musik wieder ein.
L: He, was soll das? Schalt den Fernseher wieder ein, das ist spannend!
Torpor: Schluss jetzt damit. Das will doch keiner mehr hören. Dieses Gequassel vertreibt mir die Gäste.
M: Was bist du denn für ein reaktionärer Sack?
T: Pass auf. Besser ihr haut jetzt ab hier.
R: Torpor: Du bist ein Arschloch.
L: Tschüss, Wichser.
Die Gruppe verlässt das Lokal, die Tür geht auf, Sturm draußen, Türe wird vom Wind zugeschlagen.

Visited 1:
Wieder im Café. Draußen stürmt es. Torpor ist alleine, hantiert mit Tassen und Untertellern. Er schaltet die Musik aus, den Fernseher wieder ein:

H: „Am ehesten könnten sie sich wohl in der Konstitution solcher Strukturen ausdrücken, die nicht so sehr von dieser oder jener Formalisierung politischer Beziehungen und Garantien ausgehen würden, sondern vielmehr von einem neuen Geist, das heißt vor allem von ihrem menschlichen Inhalt. Es handelt sich also um die Rehabilitierung solcher Werte wie Vertrauen, Offenheit, Verantwortung, Solidarität, Liebe. Ich glaube an Strukturen, die sich nicht an der „technischen“ Seite der Machtausübung orientieren, sondern an dem Sinn ihrer Ausübung; an Strukturen, die mehr durch das gemeinsame Gefühl, dass gewisse Gemeinschaften sinnvoll sind, als durch gemeinsame Ambitionen zur Expansion nach „aussen“ gefestigt werden. Es können und müssen offene, dynamische und kleine Strukturen sein; über eine gewisse Grenze hinaus können solche „menschlichen Bindungen“ wie persönliches Vertrauen und persönliche Verantwortung nicht mehr funktionieren (…). Es müssen Strukturen sein, die von ihrem Wesen her das Entstehen anderer Strukturen nicht beschränken; jede Kumulation von Macht (einer der Ausdrücke der „Eigenbewegung“) sollte ihnen fremd sein. Strukturen, die keine Organe oder Institutionen, sondern Gemeinschaften sind.

Kommentare

Der Pfad zur linken Hand revisited: Physikstunde · 13 Juli 2025, 17:46 by Medusa Cramer

Eine Maschinenhalle. Pulsieren einer Teilchenbeschleunigungsmaschine. Hasinger, PI, führt die Forschungskommission durch die Anlage.

Hasinger: Verehrte Damen und Herren der Forschungskommission, wir alle fühlen uns sehr geehrt durch ihren Besuch. Ich werde ihnen heute erläutern, woran wir in unserem „Strangelets“-Projekt arbeiten. Natürlich hoffen wir, dass wir sie von unserem Vorhaben überzeugen können und ihre geschätzte Kommission unser Forschungsprojekt unterstützen kann. Investitionen der Privatwirtschaft in die Forschung sind heute unverzichtbar, umso mehr freut es mich, dass ihre Bank diese Forschungskommission ins Leben gerufen hat. Ich – -
Forschungsrat A: Danke, Herr Hasinger. Kommen wir zur Sache. Erklären sie uns doch bitte kurz, was sie unter „Strangelets“ und „Seltsamer Materie“ verstehen.
Hasinger: Nun… Seltsame Materie – Strange Matter – bezeichnen wir auch als Strangelet. Ein Strangelet besteht aus Elementarteilchen, die das Strange-Quark enthalten und hier auf der Erde nicht in stabiler Form vorkommen. Strangelets werden als „seltsam“ bezeichnet, weil sie unter anderem nicht über dieselbe Kraft zerfallen, durch die sie entstehen. Zur Seltsamen Materie gehören auch die seltsamen Teilchen, strange particles. Diese Elementarteilchen weisen eine „Strangeness“ von S ungleich Null auf. Das erste seltsame Teilchen, das Kaon, wurde 1947 von Rochester und Butler mittels Nebelkammeraufnahmen von kosmischer Strahlung beobachtet.
Wir wollen nun mit dem Teilchenbeschleuniger, der da drüben durch einen kreisrunden Tunnel führt, solche Strangelets erzeugen und nachweisen. Gruppe geht durch den Raum zum Teilchenbeschleuniger.
Forschungsrat A: Sind diese „seltsamen Teilchen“ nicht irgendwie gefährlich? Sie verstehen, dass wir keine Risiken bezüglich allfälliger Schäden eingehen können.
Hasinger: Es existieren theoretische Überlegungen, dass von seltsamer Materie eine gewisse Gefahr ausgehen könnte. Beispielsweise könnten kleine Mengen von freier, seltsamer Materie normale Materie absorbieren und diese ebenfalls in stabile, freie seltsame Materie umwandeln… Da in der Natur bisher keinerlei Hinweise für die tatsächliche Existenz von Prozessen gefunden wurden, bei denen normale Materie durch freie, seltsame Materie in stabile, seltsame Materie überführt wird, geht man allgemein davon aus, dass bei künstlichen Prozessen keine Gefahr von der künstlich erzeugten, seltsamen Materie ausgeht.
Die Gruppe nähert sich dem pulsierenden Teilchenbeschleuniger.
Hasinger: Jedenfalls sind wir froh, dass der Teilchenbeschleuniger nun endlich ohne Einschränkung läuft. Unsere ersten Experimente sind sehr vielversprechend.
Forschungsrat A: Es besteht also keine Gefahr, dass die Welt in einem schwarzen Loch verschwindet, wie man das beim CERN befürchtet?
Gelächter in der Gruppe.
Hasinger: Nein, wirklich nicht. Selbst wenn wir – -
Eine Wolke von Strangelets taucht schnell auf und verschwindet wieder.
… Selbst wenn wir -
Forschungsrat A: Was war das? Haben sie das eben gehört?
Hasinger: Das wird irgendeine Interferenz in der Apparatur hier gewesen sein, kein Anlass zur Sorge. …Wo war ich stehen geblieben? Ah ja. Selbst wenn wir hier kleine schwarze Löcher erzeugen würden, so könnten diese nur über einen ganz kurzen Zeitraum existieren.
Forschungsrat A: Aber die Gegner solcher Anlagen behaupten doch, dass diese Mini-Schwarze-Löcher Materie, die ihnen zu nahe kommt, verschlucken und dadurch wachsen.
Hasinger: Ja. Hawking zerstreute diese Bedenken aber schon in den 70er Jahren damit, dass Schwarze Löcher Wärmestrahlung emittieren und damit Energie, also Masse, verlieren. Da dieser Prozess umso schneller erfolgt, je kleiner Schwarze Löcher sind, geht von ihnen – -
Eine Wolke von Strangelets taucht auf und verschwindet wieder. Alle sprechen plötzlich mit Micky-Mouse-Stimme. … Geht von ihnen keine Gefahr aus. Nanu?
Forschungsrat A: Herr Hasinger, es ist aber – - Was ist denn plötzlich mit unseren Stimmen? Wieso klingen die so seltsam?
Hasinger: Das weiß ich nicht. Dieses Phänomen erlebe ich zum ersten Mal hier drin.
/i>Strangelets tauchen wieder auf.
Hasinger: Ich frage mich, ob das vielleicht eine Wolke von Strangelets…
Forschungsrat A: Strangelets? Besteht denn eine Gefahr für –
Hasinger: Wie ich bereits sagte, ich… ch… ich fühle mich plötzlich so seltsam.
Strangelets zweimal hintereinander.
Forschungsrat A: Hasinger, was ist hier los? - – Strangelets – - Haben sie - – Strangelets – -dideldüdeldüdeldidadüdelda? Dideldüdeldida?
Hasinger: Dadeldü. Dadeldüdelda.
- – Strangelets – - Forschungskommission spricht wild durcheinander: Dideldü! Dideldadeldü! Dadadideldüdelda! Didadidadüdeldü!
- – Strangelets – -
Hasinger: Chnochochnochno!
Forschungsrat A: Chno? Chno??
Hasinger: Chno.
Forschungskommission: Chnochnochnochnochnochno….!
- – Strangelets – -
Dort, wo vorhin die einzelnen Stimmen verortet waren, nur noch zischende und furzende Haufen, die von Zeit zu Zeit traurig piepen.
- – Strangelets – -
Ein schwarzes Loch öffnet sich. Sog-artiger Klang. Dann Stille. Nur aufgeregtes, angstvolles Atmen von Hasinger. Nach einem Weilchen: Atmosphäre eines hallenden Burgraums. Ein Kaminfeuer brennt. Luzifer mit der Stimme von Forschungsrat A, sitzt an einem Tisch und pfeift ein Liedchen zu einem Musikstück ab kleinem Radio. Er beginnt, Geldstücke zu zählen.

Luzifer: Drei zwanzig, drei vierzig, drei sechzig, neunzig. Vier – -
- – letzte, kleine Fluktuation von Strangelets – -
Luzifer hört auf zu zählen:
Nanu?
Wirft eine Münze auf den Tisch, um zu hören, ob es der Klang eines Geldstücks war.
Luzifer: Nee. War wohl das Feuer. Vier zehn, vier –
Angstvolles Atmen Hasingers. Versucht, so still wie möglich zu sein.
Luzifer bemerkt Hasinger:
Ein Sterblicher? Was machst du denn hier. Schiebt das Geld beiseite.
Hasinger versucht zu sprechen, kann aber nicht.

Luzifer: Na?
Hasinger: Wo… wo bin ich? Wer sind sie? Ein Geist?
Luzifer: Der Herr der Geister. Und du bist wer?
Hasinger: Hasinger.
Luzifer: Hasinger. Soso. Was willst du hier?
Hasinger: Wo bin ich denn gelandet?
Luzifer: Was glaubst du, wo du hier bist.
Hasinger: Aber… aber das gibt’s doch gar nicht. Ein Unfall am Teilchenbeschleuniger, der Strangelet-Schwarm. Ich glaube, ein schwarzes Loch hat sich geöffnet. Irgendwie bin ich hierher verfrachtet worden. Ob ich wohl in einem Paralleluniversum bin?
Luzifer: Parallel-was? Jedenfalls war nicht ich es, der dich hierher abberufen hat. Andererseits: Mit der richtigen Disposition könnte es natürlich sein, dass du von selbst hergeflattert kommst… Was mache ich denn jetzt mit dir, nä? Bisschen Feuer an den zu schindenden Körper?
Hasinger: Wie? Ich… sie tun mir doch nichts an? Das alles ist ein einziger Alptraum.
Luzifer: Don’t worry. War nur ein Scherz.
Hasinger: Aber die Hölle gibt es doch gar nicht. Das hier bilde ich mir irgendwie ein. Womöglich bin ich in eine Art Koma gefallen und träume das alles. Wissen sie, wie ich hier wegkomme?
Luzifer: Wegkommen? Wohin? Hier gibt’s nur das hier. Kein Wegkommen.
Wie dem auch sei… wieviel hatten wir? Ah ja. Beginnt wieder mit dem Geldzählen. Vier zehn, zwanzig, dreißig –
Hasinger: Ich muss hier aber weg. Ich muss der Welt sagen, dass man falsch liegt. Dass alles schrecklich falsch läuft. Dass sie hier das Geld zählen und so weiter.
Luzifer: Ich bin nur ein Geist. Das Manna da (klimpert mit dem Geld): Alles nur Illusion.
Hasinger: Aber – aber ich kann sie sehen. Sie sind echt.
Luzifer: So echt, wie du mich haben willst, Baby. Aber vielleicht suchen wir jetzt doch mal eine schöne Kette für dich, sonst verschwindest du mir plötzlich wieder. Geht zu einer Truhe und wühlt in Metallwaren. Hm. Zu klein. Die ist zu kurz. Ja… die dürfte passen. Komm, Kleiner. Binden wir dich mal an hier.
Hasinger: Lassen sie mich – Hilfe! Ich will hier weg! Ich will – - -
Das schwarze Loch öffnet sich wieder, Sog-Geräusch. Wieder im Maschinensaal.
Hasinger: – - – hier weg!
Forschungsrat A: Hasinger? Hasinger! Was ist mit ihnen? Geht es ihnen nicht gut?
Hasinger erschrickt, weicht von Forschungsrat A zurück.
Hasinger: Lassen sie mich in Ruhe. Ich will nicht an die Kette!
B1: Kette? Welche Kette? Zu den anderen Räten: Er scheint zu halluzinieren. Holen sie Hilfe. Hasinger, wissen sie, wo sie sind? Wissen sie, wer ich bin?
Hasinger: Bin ich zurück? Ich bin tatsächlich zurück?
Forschungsrat A: Zurück – woher? Sie waren die ganze Zeit über hier. Es gab ein paar seltsame Geräusche aus der Maschine hier, dann sind sie irgendwie erstarrt und schauten ins Leere. Ich habe versucht, sie anzusprechen. Sie reagierten nicht.
Hasinger: Nicht weg? Aber… ich war woanders. Ein schwarzes Loch hat mich aufgesogen. Ein Schwarm von Strangelets… und dann die Hölle.
Forschungsrat A: Die Hölle? Zu den andern: Ich glaube, die Sache hier erübrigt sich. Leise: Ballaballa.
Hasinger: Nein, hören sie, das war real. Ich glaube, wir haben hier eben Strangelets erzeugt und die haben ein schwarzes Loch geöffnet, in das ich hineingezogen wurde. Das klingt jetzt völlig abwegig, ich sehe es ihren Gesichtern an. Ich werde – wir werden – beweisen, dass –
Forschungsrat A: Schreiben sie einen neuen Antrag, wenn sie wieder auf dem Damm sind. Ich meine, da oben, verstehen sie mich? Hilfe ist schon unterwegs. Auf Wiedersehen. Meine Damen und Herren, kommen sie, wir —- Strangelets —- Der gesamte Forschungsrat ist verschwunden.
Hasinger: Herr Forschungsrat? Die Damen und Herren Forschungsräte? Wo sind sie? Hallo? Hallo-o?

Visited 1:
Bei Luzifer in der Hölle.

Luzifer: … noch mehr Kundschaft? Heute läuft aber was. Treten sie näher, meine Damen und Herren, nur herein in die gute Stube, ha ha!
Angstgeschrei der Forschungskommission.
Luzifer (erschrickt die Forschungskommission mit Freude):
Uah. Kommt her, ich freß’ euch alle auf. – Haa-haa ha ha. Ein Lob auf Wissenschaft und Technik!
Panik, Angstgeschrei, verhallt und blendet aus.

Visited 2:
Bei Luzifer in der Hölle: Atmosphäre eines hallenden Burgraums. Ein Kaminfeuer brennt. Ferner Nachhall von Luzifer und dem Angstgeschrei der Forschungskommission.

Kommentare

Der Pfad zur linken Hand revisited: Option Kunst · 6 Juli 2025, 13:55 by Medusa Cramer

1 ID: Gespräche, Anstoßen mit Sektgläsern.
2 In einer Kunstgalerie. Vernissage. Mitten im plaudernden Publikum beim Aperitif.

G: So. Ich glaube, ich beginne jetzt, was meinst du? Sonst laufen uns die Leute bald schon wieder davon.
A: Soll ich dein Glas noch füllen?
G: Gerne. Danke, mein Schatz. Meine Damen und Herren! Meine Damen und Herren, liebe Freunde, lassen sie mich kurz ein paar Worte sagen.
Das Geplauder wird leiser. Im Hintergrund jedoch weiter.
Zur heutigen Vernissage von Stefan Kurer begrüße ich sie herzlich. Dass sie so zahlreich erschienen sind, freut mich außerordentlich. Lassen sie mich kurz ein paar Worte zu den Arbeiten von Stefan sagen, vielleicht gelingt es mir damit, sie vom Aperitif weg in die Ausstellung zu locken. Gelächter.
Nun, ich glaube zum ersten Mal begegnet sind wir uns an der Art Cologne. Das müsste etwa Fünfundneunzig gewesen sein, nicht wahr, Stefan? Ich sah dort deine Arbeit UFO Cologne, an dieser Gegenmesse… Sie hat mich sofort in ihren Bann gezogen, obwohl das damals ja so eher Richtung Performance ging bei dir. Stefan und seine Künstlerkollegin, wie hieß sie noch –
K: Karla Erhardt.
G: Genau – hatten dort einen Messestand eingerichtet, wo sie Tonaufnahmen einer angeblichen Ufolandung verkauften. Köstlich, ja… Ich fand das so passend und kritisch demgegenüber, worin ich mich als Galerist bewege – ich meine die Kunst und den Kunstmarkt. Es zog mich magisch an… Ich habe dann Stefan gefragt, ob er auch richtige Kunst hätte, die er bei mir in der Galerie ausstellen könnte. Einen Monat später wurde seine erste Einzelausstellung hier in der Galerie Arkadia eröffnet.
Ja… neben seiner klangkünstlerischen Arbeit zeichnet Stefan Kurer seit einigen Jahren, und die Frucht dieser Bemühungen lässt sich in dieser Ausstellung nun zum ersten Mal bewundern. Sie alle kennen Kurer als Klangkünstler, die Zeichnungen hier verkörpern für mich so etwas wie geheime Skizzen zum Geschehen in seinen Klang- und Musikwerken. Sie zeigen die vielen Pfade, die die Gedanken des Künstlers nehmen, wenn er seine Klanglandschaften entwickelt. Seit ich die Zeichnungen Stefans kenne, habe ich das Gefühl, dass das, was man hört, sozusagen nur die Spitze eines viel größeren Eisbergs ausmacht. Zustimmendes Gelächter.
Ich bin sehr froh und glücklich, dass wir diese ungemein detail- und spannungsreichen Arbeiten ihnen zeigen dürfen. Wenn sie Fragen haben, wenden sie sich ungeniert an mich. Ich wünsche ihnen viel Vergnügen und einen schönen Abend, vielen Dank, danke! Applaus. Das Geplauder setzt sich fort, das Publikum verteilt sich.
G: Ich habe wieder mal völlig abrupt abgebrochen. Nie finde ich einen adäquaten Schluss. „Die Spitze eines Eisbergs“ – welch idiotische Metapher.
A: Das war doch wunderbar, du hast das sehr schön gesagt.
G: Dummes Geschwätz – K kommt hinzu
A: Herr Kurer! Dass sie trotzdem gekommen sind!
K: Peter! Danke für deine Worte.
G: Ach Stefan, das war nicht gut -
K: Es war in Ordnung. Hast du die Schneiders auch gesehen? Ich glaube, sie wollen den „Belial“ kaufen.
G: Den „Belial“? Für den hat sich aber auch die Stadt interessiert. Aber egal, ich verkaufe denen eine andere Zeichnung. Anja, kümmerst du dich mal um die Schneiders?
A: Sofort. Zu K: Bis gleich.
G: Wie geht’s dir?
K: Du weißt, wie unangenehm mir solche Anlässe sind.
G: Ja. Trotzdem leben wir zwei von solchen Abenden. Nicht?
K: Du machst das ja gut. Meine Vorbehalte werde ich aber wohl nie los.
G: Andere sitzen den ganzen Tag in einer Bank, so entfremdet kommt mir mein Job noch nicht vor.
K: Du hast auch nie in einer Bank gearbeitet. Ich verdiene hingegen den Grossteil meines Geldes immer noch bei der Bank.
G: Na und? Denkst du, ich könnte das nicht? Mit Zahlen kann ich auch umgehen.
K: Ums Handwerkliche geht’s dabei nicht. Eher darum, es aushalten zu können. Es auszuhalten, dass einem gesagt wird, was man zu tun hat, und so weiter. Ich für meinen Teil tue mich schwer damit. Wo habe ich das kürzlich gelesen: „Ein Spiel für Betrogene mit unterschiedlichem Komfort.“
G: Mein Gott – die Sammler lassen mich doch auch spüren, wie sie sich‘s am liebsten besorgt haben wollen.
K: Dafür bist hier aber du zuständig, ich meine fürs Besorgen. Ich bin da nur am Rande beteiligt.
G: Denkst du? Und warum hängen dort nun Zeichnungen? Weil du besonders resistent gegen Hypes bist und man durchaus noch zeichnen kann heute oder weil sich das Zeug besser verkauft als dein abstraktes Gepiepe?
K: Ich nehme mir die Freiheit, etwas zu krakeln und das dem Erstbesten als Opus Magnum zu verkaufen. Ich will damit nichts für mich erreichen, denn ich habe mich bereits für die Freiheit entschieden. Die Artefakte sind da nur Gesten, die einem Lebensentwurf entspringen.
G: Ach so. Ein Lebensentwurf. Woher hast du das? Aus hundert Lebensweisheiten berühmter Künstler? Du solltest dich mehr mit der Aktualität befassen.
K: Welche Aktualität? Deine? Die des Kunstmarkts? Hier ist doch nichts auf der Höhe der Situation. Alles aufgequirlte Scheiße verblichener Künstleridentitäten.
G: Künstleridentitäten, mein Lieber, die gibt’s zum Preis einer Kunstpostkarte im Museumsshop oder für 100 Millionen bei Christie‘s. Was gefällt dir besser?
K: Das ist dein Business. Ich mache die Kunst.
G: Lassen wir es. Apropos: Ist das Geld angekommen?
K: Nein. Sie sind vom Kauf zurückgetreten.
G: Was? Das ist nicht dein Ernst.
K: Doch. Sparmassnahmen.
G: Sparmassnahmen? Sie haben doch vor einem Monat den Hirst für 20 Millionen gekauft? Fünfzigtausend für die Klanginstallation wollen sie nicht aufwerfen? Ich rufe Möller morgen an.
K: Es sei eine schwierige Arbeit. Sie meinen, dass das ihr Publikum nicht verstehen wird.
G: Schwierig? Was soll daran schwierig sein? Es ist gottverdammte Kunst. Die Kuh in Formalin ist also besser zu verstehen?
K: Was regst du dich auf?
G: Wenn ich mich nicht aufregen würde, würdest du noch deine kleine Klangquetscherkunst fürs eigene Soziotop machen und ich langweilige Künstler an langweiligen Messen verkaufen. Wir brauchen einander doch.
K: Was würdest du eigentlich tun, wenn ich plötzlich keine Kunst mehr machen würde?
G: Was denn sonst? Ein hypothetischer Gedanke. Du bist zu alt, um etwas völlig Neues anzufangen.
K: Nichts Neues. Einfach nichts. Ich sitze im Park und füttere Tauben, gehe in die Bibliothek, lese Bücher. Um fünf gehe ich in meine Bar, trinke zwei Biere und dann nach Hause. Kein Atelier mehr, keine Hoffnungen auf Erfolg, eines kleinen Erfolgs übrigens, weil Kunst wie Hirst werde ich nie machen und bleibe so in meiner Nische, worüber dann du dich aufregst. Es wäre die perfekte Freiheit, Alles loszulassen, sich nur noch den kleinen Dingen zu widmen.
G: Lass uns heute nicht im Trüben fischen, es ist dein Abend, du bist hier, also Prost!
A: Ich fische nicht im Trüben.
G: Ah! Herr und Frau Schneider! Welche Ehre, kommen sie, kommen sie! Geht ab.

Visited: Aufräumen der Gläser, die Gäste gehen.

Kommentare

Der Pfad zur linken Hand revisited: Fortuna · 16 Juni 2025, 15:21 by Medusa Cramer

1 Park. ID: B: Pst! Hallo! Sie!
2 Schritte auf Kieswegen, etwas abseits.
B: Entschuldigung! Hallo, warten sie kurz.
A bleibt stehen. B kommt mit kleinen, schnellen Schritten herbeigelaufen.
A: Ja?
B (außer Atem): Darf ich sie etwas fragen?
A: Bitte.
B: Wissen sie welche Göttin die Statue dort drüben darstellt?
A: Welche Statue?
B: Da drüben, dort, zwischen den Loorbeerbüschen.
A: Werfen wir einen Blick auf sie. A und B entfernen sich etwas.
A: Das Füllhorn da über ihrer Schulter… Fortuna? Das sind doch die guten Dinge, die da rausquillen. Das Glück, verstehen sie?
B: Oh. Oh. Weil, wissen sie, ich habe ein spezielles Problem. Ich finde die Dinge immer nur in Fragmenten vor. Dazwischen die Leerräume. Immer nur Bestandteile, nie ein Ganzes. Eben vorhin habe ich andere Figuren gesehen, im Garten einer Villa, nicht weit von hier. Einer Diana fehlte die Hand, die den Jagdhund an ihrer Seite halten sollte. Immer treffe ich Dinge an, die nicht komplett sind, Nichts Erkennbares da, das sie verbinden würde.
A: Hm. Schweigen, Pause.
Schauen sie mal: Unserer Fortuna fehlt auch etwas. Das Füllhorn, sehen sie? Da fehlt ein Stück oben, dort wo das Zeug – das Glück – ins Horn reinkommt, zwischen Horn und Hand.
B: Tatsächlich. Wie furchtbar!
A und B kommen wieder näher.
B: Ob diese Figuren aus der Römerzeit sind?
A: Ich glaube nicht. Die sind wohl bloß so alt wie die Hotelkästen hier. Neunzehntes Jahrhundert, schätze ich.
B: Sagen sie: Welchen Beruf haben sie.
A: Beruf?
B: Ja, was arbeiten sie.
A: Ich bin Künstler.
B: Malerei?
A: Nein, Töne.
B: Töne? Sind sie Musiker?
A: Klangkünstler.
B: Glauben sie an Gott?
A: An Gott? Warum? Nein. Künstler glauben an nichts außer an sich selbst – die guten zumindest.
B: Dann haben wir keine gemeinsame Basis für unsere Unterhaltung. Weil ich glaube vor allem an den Teufel. Denn wissen sie, es ist mir einst sehr gut gegangen. Ich war früher Ingenieurin. Dann ist einer – sie verstehen? – eifersüchtig geworden, auf das, was ich besessen habe.
Schlägt sich ein paar Mal mit ihrem Notizheft auf den Handrücken. Spricht aufgeregt/streng:
Das ist alles um uns herum. Es füllt die Zwischenräume zwischen den Dingen. Auch wenn sie mit dem einen oder anderen Vorhaben beschäftigt sind und es gerade nicht sehen. Es ist wie eine Krankheit. Sie denken nicht an sie und dann befällt sie einen unversehens. Was ist Klangkunst?
A: Na, anstatt mit Pinsel und Farbe mache ich Kunst mit Klängen, Tönen.
B: Aber davon bleibt doch dann nichts? Das kann man nicht im Museum anschauen?
A: Allgemein liegt mir das Flüchtige mehr.
B: Das verstehe ich nicht. Das verstehe ich nicht. Auf wiedersehen. Geht eilig weg.
A (ruft ihr nach): Einen schönen Tag wünsche ich!

Visited: Schritte auf Kieswegen. Rufe B: Ah! Na. Zwischen-Raum.

Kommentare

Der Pfad zur linken Hand revisited: In der Bank · 16 Juni 2025, 15:16 by Medusa Cramer

A: Morgen!
B: Morgen.
A Legt Schlüssel und Aktenkoffer auf den Tisch.
A: Wo ist denn das Sicherheitspersonal beim Personaleingang abgeblieben? Da steht keiner mehr.
Hängt seinen Mantel in die Garderobe, lässt sich ächzend auf seinen Drehstuhl fallen, der Stuhl federt quietschend nach.
Ich habe mich die ganze Zeit über gefragt, ob man uns hier nun eher be- oder überwacht.
Packt Dokumente aus dem Koffer.
Schon lange da?
B: Ich beginne um Acht wie alle andern.
A: Ach so. Die Präsenzzeiten; ich vergaß. Seit wir hier Kurzarbeit haben, verwischt sich für mich, was sinnvoll scheint und was nicht.
B: Auch bei Kurzarbeit haben wir um acht da zu sein, davon bist du nicht ausgenommen.
A: Geht’s hier um Zugehörigkeitssemantiken im Sklavensoziotop?
B: Besser du lässt mich arbeiten, ich sehe, wir führen wieder die Diskussion, die nirgendwohin führt.
Arbeitsgeräusche.
Übrigens: Morgen ist “Orientierungslauf.” Oben im Wald hinter der Hauptzentrale. Wir könnten doch zusammen ein Team…?
A: Ja, warum nicht? In unserer Freizeit – wir lassen uns trotz Kurzarbeit in unserer Freizeit durch einen Orientierungslauf motivieren. Das ganze Land und die Weltgemeinschaft findet unsere Bank zwar scheiße, wir aber suchen dann Posten, wo auf orange-weißen Paperbändern steht, warum das alles hier noch einen weiteren Sinn hätte, als den Wohlstand unserer Teppichetage aufrecht zu erhalten oder ihren Ab- und Weiterzug zu vergolden. Warum wird eigentlich keiner von denen mal richtig zur Kasse gebeten?
B: Weil die Teppichetage zwar in der Businessstrategie falsch lag, aber dennoch weiter macht, – ja machen muss, denn als partikuläre Leitbilder der globalen und freien Marktwirtschaft bleibt ihnen gar nichts anderes übrig, als stetig weiter zu machen, nach vorn zu fliehen. Als letzter Ausweg bliebe ihnen dann nur noch das Weingut in Argentinien.
A: Und trotzdem sitzt du brav um acht Uhr auf deinem Stühlchen.
B: Ich sehe nicht, was daran besonders revolutionär sein soll, eine halbe Stunde zu spät zu kommen. Fackle meinetwegen die Filiale ab oder kündige ganz einfach, wenn du hier nicht arbeiten willst. Vielleicht kommst du ja mit deiner Kunst vorwärts. Überhaupt: Was machen Typen wie du bei einer Bank? Lass das Sklavensoziotop doch denen, die es nicht anders wollen.
A: Du meinst Zynikern wie dir?
B: Wem auch immer, wie auch immer: Ich arbeite jetzt.
A: Na denn. Arbeit ist des Bürgers Zierde.
Tippen, Mausklicke. Das Telefon von B klingelt.
B: Hallo? Ja. Nein, noch nicht. Aber… ja. Bis zum Mittag? Nein nein, das passt schon. Gut. Wiederhören.
Atmet aus.
Dieser aufgeblasene Wicht. Warum muss es jetzt plötzlich –
A: Es interessiert mich nicht.
B: Was interessiert dich nicht? Eben wolltest du dich über die ganze Scheiße hier beschweren, du –
A: Sklavenmoral, sorry. Ich wollte mich nicht “über die ganze Scheiße hier” beschweren, ich habe lediglich ein paar laxe Entgegnungen auf deine Sklavenbemerkungen verlauten lassen.
B: Wie du mich nervst mit deiner überheblichen Art. Ich frage mich, wer –
A: “Bis zum Mittag? Nein nein, das passt schon,” hahaha.
B: Jawohl, Herr Unabhängig. Vielleicht hörst du mal auf, dir etwas vorzumachen und merkst endlich, dass auch du mit deiner Unterschrift unter die Einverständniserklärung zur Kurzarbeit am Tropf von denen hängst. Dass auch du sagen wirst: Ja, mache ich gerne, sofort, Chef.
A: Was machst du denn nun eigentlich in deiner neu gewonnen Freizeit? Statt Samstags vier Stunden nun vier Nachmittage die Woche Golfen?
B: Ich suche Arbeit.
A: Du suchst Arbeit? Was für eine Arbeit?
B: Na: Arbeit eben. Backoffice irgendwo.
A: Wozu?
B: Wozu, wozu – Weil ich eine teure Wohnung in einer teuren Gegend bezahlen und meine geleaste Karre abstottern muss, weil – überhaupt: Was soll ich denn in der ganzen Freizeit tun? Mehr Golfen ist zu teuer, eine Familie habe ich nicht, saufen ist ungesund.
A: Vielleicht müsste als erstes mal unser Verständnis von Freizeit revidiert werden. Dieser Dualismus von Arbeit und Freiheit, schon seltsam irgendwie… das klingt mittlerweile wie ein anthropologisches Paradigma.
B: Seltsam? Als man noch Fell trug, kam erst die Jagd und danach die Muße in der Höhle, nicht?
A: Vielleicht. Dennoch: Was wäre, wenn dies nur der Anfang ist? Wenn nach der Kurzarbeit die Lohnarbeit ganz hinfällig wird? Ein Gesellschaftssystem, das sich über freiwillige Arbeit konstituieren würde? … Wo zum Beispiel jeder einen Grundlohn hätte?
B: Eine reichlich utopische Vision.
A: Tatsache ist, dass immer weniger Arbeit anfällt. “Die Armee der Arbeitslosen,” wie sie Horkheimer/Adorno schon kommen sahen…
B: Jetzt kommt der hier bei der Arbeit mit Adorno. Na schön. Und was willst du damit sagen?
A: Na, zum Beispiel würden in Zukunft Automation und Robotik so vorangetrieben, dass es nirgendwo mehr jemanden auf einem Büro- oder Fabrikstühlchen bräuchte. Dann stellte sich die Frage umso radikaler, was wir machen sollen, wozu wir hier wären…. Eine interessante Perspektive: Ein Grundprinzip des Kapitalismus würde hinfällig, niemand arbeitet mehr für den Reichtum einer Minderheit, die Maschinen stellen alles her und sind immer da. Was geschähe dann?
B: Was dann geschähe? Hier, ich hab’s gerade gegoogelt, “Dialektik der Aufklärung” von Horkheimer/Adorno, lass mich vorlesen: “Nachdem man den Lebensunterhalt derer, die zur Bedienung der Maschinen überhaupt noch gebraucht werden, mit einem minimalen Teil der Arbeitszeit verfertigen kann, die den Herren der Gesellschaft zur Verfügung steht, wird jetzt der überflüssige Rest, die ungeheure Masse der Bevölkerung als zusätzliche Garde fürs System gedrillt, um dessen großen Plänen heute und morgen als Material zu dienen. Sie werden durchgefüttert als Armee der Arbeitslosen.” …Man würde sich darüber streiten, wer die Macht über die Maschinen hat und was diese für wen herstellen sollen. Und: Wer stellt die Maschinen her? Wer konzipiert sie? Steuern Maschinen dann Maschinen? Und dann Maschinen Menschen? Ein Matrix-Szenario.
A: Trotzdem. Das Wort Freiheit hätte wohl eine ganz andere Bedeutung.
B: Welche Bedeutung denn?
A: Stell dir das vor. Jeder ist versorgt, hat was er braucht zum leben und kann primär tun und lassen was er will. Eine Gesellschaft des freien Willens.
B: Ich glaube vielmehr, dass die sich in einer solchen Situation wiederfindende Menschheit umgehend mit Elon Musk auf Raumfahrt begeben müsste, ansonsten sich auf der Erde alle gegenseitig umbringen.
A: Lass uns das etwas realistischer diskutieren. Es gibt da diese Initiative… Grundeinkommen für alle. Schon davon gehört?
B: Ja. So weit ich weiß ein Kunstprojekt – selbstredend.
A: Aber ein Ansatz. Das ist das interessanteste, was mir in den letzten Jahren zu Ohren gekommen ist neben all den abgeschmackten Politideen.
B: Ich sage dir: Das wird keiner wollen. Die meisten fürchten sich doch davor, sich einer solchermaßen unbekannten Situation stellen zu müssen, schau dir Arbeitslose an. Sie fühlen sich ihrer Identität beraubt, oder Pensionäre. Das wäre dann das erste schwarze Loch, in das die Menschheit tatsächlich fallen würde. Die Kirche hätte wieder massenhaft Zulauf.
A: Zugegeben… das wäre eine große Stufe auf der Treppe der Aufklärung.
B: Aufklärung? Aufklärung ist kein Prozess mehr, sondern ein historischer Begriff aus dem 18. Jahrhundert.
A: Meinst du? Tipp mal “Aufklärung” ein. Hier, Kant, “Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung”, 1784:
“Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.”
B: Du kennst doch die Gesichter der Leute im Bus, wenn du hierher fährst. Unsere Filiale steht in dieser öden Arbeitszone, überall Betonkuben mit Leuten drin, die irgendeine entfremdete Dienstleistung erbringen. Die interessiert Herr Kant nicht, die könnten wohl auch mit einem Grundeinkommen nicht umgehen, sie -
A: Schau. Da kommt der Filialleiter-Stellvertreter.
Sicherheitstür öffnet sich.
C: Guten Morgen. Die Herren unterhalten sich? Worüber? Warum wird hier nicht gearbeitet?
B: Öh..
A: Er hat mir gerade die Charaktereigenschaften seiner Büropflanzen beschrieben.
C: Sie finden das wohl lustig. Aber es spielt sowieso keine Rolle mehr, was sie hier tun und lassen. Ihre Machenschaften sind ans Licht gekommen. Man hat ihren Email-Verkehr überwacht, sie werden sich in Kürze vor der Geschäftsleitung verantworten müssen. Ihre aufrührerischen Rundmails sind auf wenig Sympathie gestoßen, soviel ist sicher.
A: Uhh. Jetzt mache ich mir aber in die Hose. Wo hat man sie denn aufgezüchtet? In einem geheimen Nazi-Labor?
C: Sie wissen wohl nicht, mit wem sie es zu tun haben. Ich bin nicht nur ihr Vorgesetzter, unser Filialleiter ist zudem mein Vater – passen sie bloß auf mit ihren Frechheiten. Ich meine es gut mit ihnen und will ihnen helfen. Ich… ich werde aber nur denjenigen unter ihnen helfen, die mir glauben, dass der Filialleiter mein Vater ist. So.
A: Was redest du kleiner Kacker hier für eine Scheiße daher, es ist mir scheißegal, ob du es gut oder schlecht mit uns meinst, es ist mir scheiß-egal, ob der Filialleiter dein Vater oder deine Tante ist. Ich soll jetzt wohl den Bückling vor dir machen, wie? Ich werde dir gleich deine vorlaute Fresse polieren, komm her!
Steht auf, wirft den Stuhl um.
B: Halthalt, nun mal langsam. Komm Stefan, beruhige dich! Zu C: Schön und gut, aber was kann ihnen dran gelegen sein, ob wir ihnen glauben oder nicht? Wenn sie tatsächlich auch noch der Sohn unseres Filialleiters sind, dann legen sie ein gutes Wort für uns alle ein, das wäre freundlich von ihnen, lassen sie aber dieses seltsame Gerede von Glauben und Unglauben –
A: Wollt ihr mich nun alle verarschen? Der spielt sich doch nur auf, du wirst sehen. In acht Tagen sitzen wir noch hier wie heute, ohne dass sich etwas verändert hätte, und der Filialleiter weiß von nichts, wetten?
D kommt hinzu.
D: …Selbst wenn er etwas gewusst hätte, so weiß er’s nicht mehr. Er ist heute Morgen unerwartet verstorben, man hat ihn eben in seinem Büro gefunden. Herzinfarkt.
Betretenes Schweigen, A beginnt zu lachen.
C: Was? Wie… Wieso hat man mich nicht informiert?
A: Holla, holla! Herr Sohn, Herr Sohn, wie steht es mit der Erbschaft? Sind wir jetzt vielleicht deine Angestellten?
C: Ich verstehe nicht… ich. – Ich habe ihnen bereits gesagt, ich werde jeden von ihnen entlassen, der mir nicht glaubt, dass… Es spielt jetzt keine Rolle, dass er… ich meine, ich rede immer noch vom selben – verstehen sie?
B: Nein.
A: Du kannst mir den Arsch lecken.
D: Und was nun? Wie geht es denn nun weiter?
C: Die Geschäftsleitung muss unverzüglich tagen, es muss ein neuer Filialleiter gestellt werden, ich
werde – wir werden …
Geht verwirrt ab.

Visited 1:
B: Und was tun wir denn jetzt?
A: Ihr wartet jetzt wahrscheinlich an euren Schaltern, bis man euch entlässt. Schlachtbank-Vieh, muh!
D: Was bist du denn für einer? Was ist der denn für einer?
B: Lass ihn, gehen wir arbeiten. Kommst du mal mit zum Golfen diese Woche?
D: Golfen? Du spielst Golf? Der Filialleiter spielt auch Golf.
B: Ich weiß… Wir spielen -spielten! manchmal zusammen.
A: Na denn Prost. Ich gehe jetzt einen heben. Tschüß!

Visited 2: Schalterhalle, Geldautomaten.

Kommentare

Entäußerung - ein zweites Fragment. · 18 November 2021, 13:22 by Medusa Cramer

2. Teil der Umwelt werden

Er ging ein Stück auf dem asphaltierten Weglein, das von der Herberge zur Busstation führte. Einer plötzlichen Eingebung folgend, schritt er nach ein paar Metern ins Unterholz. Seine Schuhe teilten das dürre Laub, nach ein paar Schritten blieb er stehen. Er war sich bewusst, dass er für Passanten ein seltsames Bild abgab: Dort ist ein Mann im Wald, Mama…

Lange verharrte er im kleinen Waldstück zwischen den Strassen. Die Augen geschlossen, den Geräuschen um ihn herum horchend. Einzelne, spärliche Vogellaute, Wind in den Baumkronen; Waldesstille. Weiter unten die Geräusche der Strasse – die Buslinie, die alle paar Minuten aufheulend den Anstieg der Strasse hörbar werden liess. Mitten im Vormittag herrschte wenig Verkehr. Er dachte daran, wie sehr er Verkehrslärm hasste, die Welt schien ihm beherrscht von Motorenlärm.

Nun zum zweiten Mal aufgebrochen, wollte er in absehbarer Zeit kein Gebäude mehr betreten, keine Anderen mehr beobachten – überhaupt aufhören, ständig zu beobachten, sondern vielmehr irgendwie Teil – zum Beobachteten – werden, also gewissermassen vom Zuschauerraum auf die Bühne wechseln. Was ihm nun nicht hiess, sich möglichst auffällig zu benehmen, etwa als Unhold hier im Wald.

Teil sein. Aber wovon?

Von dem da draussen.

Also nun nicht nur einfach die Bühne des allgemeinen Lebens zu betreten, sondern mit ihr gleichermassen zu verschmelzen, nicht als Teil der Umgebung, sondern der umfassendern, belebten Umwelt als interagierendes Subjekt, Akteur im Netzwerk, als Systemkomponente. Sich auf eine Drift einzulassen und irgendwie zu versuchen, auf ungewohnte Weise mit den Dingen zu interagieren.

Aber wie? Sollte er in diesem Waldstück mit den Bäumen zu sprechen beginnen? Und sich ihre Antwort einbilden?

In seiner Ratlosigkeit berührte er mit der flachen Hand den Baum neben ihm: Die Oberfläche der Rinde war rauh, kühl, feucht. Die Kühle stammte, so spekulierte er, vom verdunstenden Wasser aus der Pflanze – aber geschah so etwas auch durch die Rinde? Oder nur die Blätter? Seine Neuigier wich einem Erstaunen: Etwas regte sich im Baum – eine fast unmerkliche Erschütterung, die sich als eine nicht beschreibbare Energie auf ihn zu übertragen schien. Ein Windstoss in der Krone, ein leichtes Erdbeben? Vielleicht.

To be continued.

Kommentare

Der Pfad zur linken Hand - Teil zwei. · 5 Mai 2021, 12:06 by Medusa Cramer

This is the creation of the world, that the pain of division is as nothing, and the joy of dissolution all. (Aleister Crowley, The Book of the Law, p. 8)

1.

Zurück in der Bankfiliale, Bürogeräusche. Eine Schiebetür öffnet sich, A erscheint und setzt sich an den Tisch gegenüber von B.

A: Du bist hier? Warum bist Du nicht im Homeoffice?
B: In einer Einzimmerwohnung, in der ich mein Bett vom Schreibtisch aus sehen kann? No way. Dann muss ich ja nicht gelebt haben.
A: Ich dachte, Du gehörst zu einer Risikogruppe?
B: Wie schnell die Pandemie unser Vokabular verändert. «Risikogruppe», «Herdenimmunität»: Ja, bin ich. Und? Sind wir bezüglich Sterblichkeit nicht alle Risikogruppe?
A: Freut mich, dass nun auch du die Welt aus einer philosophischen Perspektive zu betrachten in der Lage bist. Unser Ausflug in die Wüste hat da wohl einigen Sand aufgewirbelt?
B: Heute noch finde ich ihn meinen Kleidern, Schuhen; vielleicht hat sich da auch etwas in meinem Gehirn abgelagert? Ein Wunder, hat man uns gefunden.
A: Ja. Von der einen in die andere Wüste zurück, nicht?
B: Wehe dem, der Wüsten birgt!
A: Der gute alte Fritz. Kürzlich sah ich ein Foto von ihm als Jugendlicher, ohne Schnauz. Beängstigend. Diese Verachtung in seinem Gesicht.
B: Vielleicht hasste er es einfach, fotografiert zu werden.
A: Und dass er die Welt Scheisse fand oder sie es tatsächlich ist und er das gemerkt hat?
B. Wirklich witzig. Wieso bist Du denn hierhergekommen? Nutzt Du die Homeoffice-Zeit denn nicht, um deine Kunst zu produzieren?
A: Doch, natürlich. Es ist aber still im Atelier. Ich wollte dein Gesicht mal wieder sehen. Oder irgendeins.
B: Wie das dann wohl weitergeht? Machen sie nach der Pandemie die Filiale zu, weil keinen Bedarf mehr an anwesenden Mitarbeitenden – die Miete für Büroräume herausgeschmissenes Geld?
A: Diese öden Zoom-Meetings; Distanz-Gelaber. Ich schaue jeweils, dass die Hälfte meines Gesichts hinter meinem Namen versteckt ist, dann sieht niemand mein Gähnen. Wir sind nun alle Geister. Virtuelle Präsenzen. Zoom-Meetings als Geister-Séancen: «B, kannst Du uns hören? Schalte bitte dein Mikro ein.»
B: Immerhin könnte man ein ganz anderer sein, mein Gesicht im Monitor der anderen eine Vorspiegelung falscher Tatsachen – oder eine Simulation von sich generieren und etwas völlig anderes tun, während alle glauben, ich sei B und berate gerade eine Kundin.
A: Die neue Subversion: Wir werden zu Geistern, die Arbeitgeber glauben, dass wir für sie arbeiten, tun wir aber gar nicht, sie sehen nur eine Simulation von uns im Zoom. Ein reizvoller Gedanke. Sie glauben, ihre Welt dreht sich weiter und weiter, nichts ändert sich vermeintlich. Wir aber sind in Wirklichkeit draussen, ohne Masken, schaffen Besitztum und Umweltverschmutzung ab und sie merken nichts hinter ihren Hecken, im Resort auf den Seychellen oder wo sonst sie sich vor der Pandemie verkrochen haben.
B: In letzter Zeit kommt mir vermehrt der Gedanke, dass wir eigentlich wichtigere Probleme zu bewältigen haben als dieses Virus. Dieses scheint mir irgendwie nur die Spitze des Eisbergs darzustellen: Unter der Wasseroberfläche verbirgt sich das eigentliche Monstrum… das, ich meine … so, wie alles gekommen ist mit uns und unserem Selbstverständnis auf diesem Planeten. Wenn es das Virus nicht schafft, sollten wir uns vielleicht einfach selbst abschaffen. Schaut man sich die Umweltprobleme in der Summe an – klaren Blickes – dann scheinen unsere bisherigen Gespräche über Macht, Kapital und so weiter ja längst obsolet.
A: Vielleicht nicht abschaffen… aber auflösen? Aufgehen in einer neuen Idee von Welt und unseres Platzes in ihr, der Beziehungen zwischen uns? Ginge das? Was bräuchte es dazu?

Kommentare

Avataradio - wieder online. · 26 Juni 2019, 21:27 by Medusa Cramer

Da dieser Textpattern-Blog hilflos veraltet war, mussten wir uns selber hacken, um ihn wieder online bringen zu können. Nun läuft wieder alles und bald gibt es hier Neuigkeiten: Zwei neue Bücher von Marcus Maeder, die Avataradio zusammen mit domizil publiziert.

Kommentare

Avataradio neu auf Facebook/Soundcloud · 1 Februar 2015, 12:11 by Medusa Cramer

Ab jetzt sind alle Avataradio-Podcasts auf Facebook oder direkt in der Soundcloud zu hören.

Die älteren Podcasts sind immer noch bei iTunes abrufbar.

Kommentare

Previous