Der Pfad zur linken Hand revisited: Acedia · 14 Juli 2025 by Medusa Cramer
Im Szene-Café in einer Innenstadt. Dezent elektronische Musik im Hintergrund.
Rancor gähnt laut.
Malitia: Da kommt Lilith. Wir wären demnach vollzählig. Herr Vereinsvorstand?
Rancor: Vernehme ich hier leisen Spott gegenüber meiner Funktion? Warum du wohl deine wertvolle Zeit mit uns verbringst, Malitia? Ob das eher mit Selbstbefriedigung zu tun hat? Lilith tritt ein. Servus, Lilith. Geht’s?
Lilith: Danke. Ich bin zu spät, ich weiß.
Rancor: Geringfügig.
M: Das hat wenig mit Befriedigung zu tun. Dafür seid ihr einfach zu ungeil.
L: Wie meinen?
M: Vergiss es.
R: Lass Lilith doch mal erzählen, was sie Gutes für uns hat.
L: Pff… Was soll ich denn Gutes für euch haben? Bestellt euch einen Latte, wenn ihr was Gutes haben wollt.
M: Wollten wir nicht die nächste Aktion besprechen?
R: Sie ist wohl etwas gereizt heute.
L: Kümmer‘ dich um deinen Kram.
R: (zu Malitia): Hörst du, wie man mit mir spricht. Was hast du denn da Schönes in der Tasche?
L: Nichts für dich. Habe ich mir für teures Geld im „Sowieso“ erstanden. Ein Schal aus reziklierten, nicht verkauften Trendtextilien.
R: „Trendtextilien“?
L: Na ihr wisst schon. H&M, C&A und wie sie alle heißen. Anstatt alles Unverkaufte wegzuwerfen wird es wiederverwertet. Ein richtig sinnvoller, Schal, nicht?
R: Hm. Verstehe ich das jetzt richtig. Das begänne etwa so: Eine Rohstoffhandelsfirma kauft Baumwolle ein. Sagen wir in Westafrika, zum Beispiel an der Elfenbeinküste. Geerntet wird der Rohstoff von Bewohnern eines kleinen Dorfes, für fast kein Geld, ja? Ein lokaler Händler macht Ballen und verkauft die Baumwolle für etwas mehr Geld der lokalen Vertretung der Rohstoffhandelsfirma. Diese füllt einen Container mit den Ballen und verschifft ihn nach Asien, wo sie von Arbeitern, die wiederum einen Hungerlohn beziehen, gewaschen, zu Stoff gewoben und gefärbt wird. Dann werden Kleider daraus genäht – zu kaum einem besseren Lohn. Vielleicht das Doppelte davon, was die Pflückerin in Westafrika für ihre Monatsernte bekommen hat? Die Kleider werden nach Europa verschifft, kommen hier in die Läden. Läden, wo die Angestellten den gesetzlichen Minimallohn verdienen, aber immerhin vielleicht das Hundertfache der Pflückerin in Westafrika. Dann kauft niemand die Klamotten, weil sie zu billig aussehen oder nicht wirklich im Trend liegen. Das Bekleidungsunternehmen stößt die Kleider an eine Firma ab, die gebrauchte Textilien verarbeitet. Dann tritt unsere Alternativfirma auf den Plan. Sie kauft die geschredderten Textilien und macht daraus deinen Schal, der dir zu einem guten Preis verkauft wird und dir das Gefühl gibt, etwas ethisch Sinnvolles getan zu haben. Natürlich wird der Schal hyperkorrekt produziert, von einigermaßen „anständig“ bezahlten Näherinnen in Osteuropa, sagen wir für 500 Euro im Monat. Das Designatelier, das den Schal verkauft, kommt fast nicht über die Runden, weil zu kleiner Kundenkreis und zu hohe Produktionskosten, und sie drücken auf die Preise der Näherinnen. Ein Rohstoff ist um die Welt gegangen, hat zweimal sein Aussehen geändert und hinterlässt nur Betrogene. Ein trauriges Geschäft.
L: Mann, du verstehst es aber, einem die Freude an einem Einkauf zu verderben. Wenn ich den Schal nun in die Textilsammlung schmeiße, geht der Horror weiter, wie? Oder macht er am Ende jemanden in Rumänien glücklich? Die finden ihn dann wahrscheinlich zu abgefuckt, sieht zuwenig nach Gucci aus.
M: Genau… wir hingegen kaufen uns die Gucci-Tasche Second Hand bei Ebay und finden es cool, abgefuckte Luxuartikel mit uns herumzutragen, weil das irgendwie eine anarchische und wiederverwertungsethische Note hat.
R: Da fällt mir eine Passage in „der kommende Aufstand“ ein… wie ging das noch: Was übrig geblieben ist an aufklärerischen Idealen wird über so eine Art existentielles Shopping „zwischen den Stilen von Bars, Leuten, Designs oder Playlists“ einer pseudo-politisch korrekten Leit-Style-Luxus-Konsumkulturblase von Leuten wie uns, die irgendwo in der Medien- Design- oder Kunstmodeszene tätig sind, als modisches Accessoire zur Schau getragen. Wachstumsrücknahme und Apple Computer, Jutetasche made in Bangladesh.
L: Was jetzt, die Gucci-Tasche?
R: Viel mehr. Die Kleider, die wir anhaben, einerseits. Diese Retro- Achzigermode, die wir aus ausgeblichenen Videos der damaligen Subkultur kennen, von Filmen der Jugendbewegung. Unsere Art zu wohnen: Nicht zu bieder, bitte keine Hippie-WG, aber ein Greenpeace-Poster auf der Toilettentür. Unser Engagement hier in unserem Minigrüppchen: Den Markt über seine eigenen Mechanismen ethischer gestalten zu wollen. Wisst ihr, was wir damit eigentlich tun? Wir erklären ihn, den Markt, zur Grundlage jeder Reform. Jede andere Möglichkeit der Organisation einer Gesellschaft blenden wir von vornherein aus. Und dies teilweise zu Recht: Man misstraut den hergebrachten, linken Ideologien, die einen Plan für alles haben wollen, dem Kampf „gegen das Kapital“. Wir sind unentwirrbar in monetäre Beziehungsgeflechte verstrickt. Es ist ja nicht das externe, böse System; mittlerweile haben wir begriffen, dass wir das selber sind. Und so nähern wir uns langsam aber sicher dem allgemeinen Stillstand, wo wir alles, was nach Utopien klingt, aufgeklärt und etwas beschämt totschweigen. Und das, was es sein könnte, bannen wir in einen Post auf Facebook, als Deklaration auf unserer Identity-Titelrolle. Draußen nur noch die fickende Realität, und die bekommt immer mehr das Gesicht althergebrachter Zweiklassenkulturen. Und zu welcher Kaste wir dann gehören, ist auch klar. Nicht zu den Betrogenen, oder? Wie?
L: Jetzt bin ich aber völlig deprimiert. Schwarzmaler Rancor, der zeigt’s uns wieder mal. Schaut mal, dort auf dem Fernseher: Ist das nicht… wie hieß der noch. Der war doch mal Präsident irgendwo.
M: Keine Ahnung. Wer soll das sein?
R: Da haben wir bezüglich der jüngsten Geschichte aber eine Bildungslücke. Das ist Vaclav Havel.
L: Der rechts ist doch Milan Kundera. Der Schriftsteller. Mann, sind die alt. Scheint eine Doku über die Tschechoslowakei zu sein. He, Torpor, schalt mal den Ton ein!
Hintergrundmusik wird weggedreht, der Ton des Fernsehers aufgedreht.
K:“… Ein System entstand, ohne vorheriges Programm, beinahe durch Zufall, das wirklich noch nie dagewesen war: eine zu hundert Prozent verstaatlichte Wirtschaft, eine Landwirtschaft in den Händen von Kooperativen, keine zu reichen Leute, keine zu armen Leute, Schulen und medizinische Versorgung gratis (…). Ich weiß nicht, welche Zukunftsperspektiven dieses System hatte; in der damaligen geopolitischen Situation sicher gar keine; aber in einer anderen? Wer weiß? … Auf alle Fälle ist diese Sekunde, in der dieses System existierte, diese eine Sekunde ist großartig gewesen.“ (Milan Kundera: Der doppelte Geist des Jahres 1968. NZZ, 29. 1. 2011 – Nr. 24)
H: „Es sieht nicht so aus, als ob die traditionellen Demokratien ein Rezept zu bieten hätten, wie man sich grundsätzlich der Eigenbewegung der technischen Zivilisation, der Industrie- und der Konsumgesellschaft widersetzen könnte.“
R: Hört, hört! Da wären wir beim Thema.
L: Pst!
H: „Auch sie befinden sich ihrem Schlepptau und sind ihr gegenüber ratlos. (…) Aber (…) diese ganzen komplizierten Strukturen der versteckt manipulierenden und expansiven Zentren der Kumulation des Kapitals, dieses allgegenwärtige Diktat des Konsums, der Produktion, der Werbung, des Kommerzes, der Konsumkultur, diese ganze Informationsflut – all dies, schon so oft analysiert und beschrieben, kann man wahrhaftig nur schwer als eine Perspektive, als einen Weg betrachten, auf dem der Mensch wieder zu sich selber finde. (…)
Die Perspektive, in deren Richtung verschiedene Denker und verschiedene Bewegungen jenen unbekannten Ausweg vermuten, könnte man wohl ganz allgemein als die Perspektive einer umfassenden „existentiellen Revolution“ charakterisieren. Ich teile diese Orientierung, und ich teile die Ansicht, dass man den Ausweg nicht in irgendeinem „technischen Kniff“ suchen darf, das heißt, nicht in einem Projekt dieser oder jener nur philosophischen, nur sozialen, nur technologischen oder gar nur politischen Veränderung oder Revolution.“ (…) Die Perspektive der „existentiellen Revolution“, – wie ich sie nenne – ist, in ihren Konsequenzen – vor allem die Perspektive einer sittlichen Rekonstitution der Gesellschaft, das heißt der radikalen Erneuerung der authentischen Beziehung des Menschen zu dem, was ich „menschliche Ordnung“ nannte und was durch keine politische Ordnung ersetzt werden kann. Die neue Erfahrung des Seins; die Erneuerung der Verankerung im Universum; die neu ergriffene „höhere Verantwortung“; die neu gefundene innere Beziehung zu den Mitmenschen und zur menschlichen Gemeinschaft – dies ist offenbar die Richtung, um die es geht.
Und die politischen Folgen?“ –
Torpor schaltet den Fernseher aus und die Musik wieder ein.
L: He, was soll das? Schalt den Fernseher wieder ein, das ist spannend!
Torpor: Schluss jetzt damit. Das will doch keiner mehr hören. Dieses Gequassel vertreibt mir die Gäste.
M: Was bist du denn für ein reaktionärer Sack?
T: Pass auf. Besser ihr haut jetzt ab hier.
R: Torpor: Du bist ein Arschloch.
L: Tschüss, Wichser.
Die Gruppe verlässt das Lokal, die Tür geht auf, Sturm draußen, Türe wird vom Wind zugeschlagen.
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Wieder im Café. Draußen stürmt es. Torpor ist alleine, hantiert mit Tassen und Untertellern. Er schaltet die Musik aus, den Fernseher wieder ein:
H: „Am ehesten könnten sie sich wohl in der Konstitution solcher Strukturen ausdrücken, die nicht so sehr von dieser oder jener Formalisierung politischer Beziehungen und Garantien ausgehen würden, sondern vielmehr von einem neuen Geist, das heißt vor allem von ihrem menschlichen Inhalt. Es handelt sich also um die Rehabilitierung solcher Werte wie Vertrauen, Offenheit, Verantwortung, Solidarität, Liebe. Ich glaube an Strukturen, die sich nicht an der „technischen“ Seite der Machtausübung orientieren, sondern an dem Sinn ihrer Ausübung; an Strukturen, die mehr durch das gemeinsame Gefühl, dass gewisse Gemeinschaften sinnvoll sind, als durch gemeinsame Ambitionen zur Expansion nach „aussen“ gefestigt werden. Es können und müssen offene, dynamische und kleine Strukturen sein; über eine gewisse Grenze hinaus können solche „menschlichen Bindungen“ wie persönliches Vertrauen und persönliche Verantwortung nicht mehr funktionieren (…). Es müssen Strukturen sein, die von ihrem Wesen her das Entstehen anderer Strukturen nicht beschränken; jede Kumulation von Macht (einer der Ausdrücke der „Eigenbewegung“) sollte ihnen fremd sein. Strukturen, die keine Organe oder Institutionen, sondern Gemeinschaften sind.
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