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Der Pfad zur linken Hand revisited: Fortuna · 16 Juni 2025 by Medusa Cramer

1 Park. ID: B: Pst! Hallo! Sie!
2 Schritte auf Kieswegen, etwas abseits.
B: Entschuldigung! Hallo, warten sie kurz.
A bleibt stehen. B kommt mit kleinen, schnellen Schritten herbeigelaufen.
A: Ja?
B (außer Atem): Darf ich sie etwas fragen?
A: Bitte.
B: Wissen sie welche Göttin die Statue dort drüben darstellt?
A: Welche Statue?
B: Da drüben, dort, zwischen den Loorbeerbüschen.
A: Werfen wir einen Blick auf sie. A und B entfernen sich etwas.
A: Das Füllhorn da über ihrer Schulter… Fortuna? Das sind doch die guten Dinge, die da rausquillen. Das Glück, verstehen sie?
B: Oh. Oh. Weil, wissen sie, ich habe ein spezielles Problem. Ich finde die Dinge immer nur in Fragmenten vor. Dazwischen die Leerräume. Immer nur Bestandteile, nie ein Ganzes. Eben vorhin habe ich andere Figuren gesehen, im Garten einer Villa, nicht weit von hier. Einer Diana fehlte die Hand, die den Jagdhund an ihrer Seite halten sollte. Immer treffe ich Dinge an, die nicht komplett sind, Nichts Erkennbares da, das sie verbinden würde.
A: Hm. Schweigen, Pause.
Schauen sie mal: Unserer Fortuna fehlt auch etwas. Das Füllhorn, sehen sie? Da fehlt ein Stück oben, dort wo das Zeug – das Glück – ins Horn reinkommt, zwischen Horn und Hand.
B: Tatsächlich. Wie furchtbar!
A und B kommen wieder näher.
B: Ob diese Figuren aus der Römerzeit sind?
A: Ich glaube nicht. Die sind wohl bloß so alt wie die Hotelkästen hier. Neunzehntes Jahrhundert, schätze ich.
B: Sagen sie: Welchen Beruf haben sie.
A: Beruf?
B: Ja, was arbeiten sie.
A: Ich bin Künstler.
B: Malerei?
A: Nein, Töne.
B: Töne? Sind sie Musiker?
A: Klangkünstler.
B: Glauben sie an Gott?
A: An Gott? Warum? Nein. Künstler glauben an nichts außer an sich selbst – die guten zumindest.
B: Dann haben wir keine gemeinsame Basis für unsere Unterhaltung. Weil ich glaube vor allem an den Teufel. Denn wissen sie, es ist mir einst sehr gut gegangen. Ich war früher Ingenieurin. Dann ist einer – sie verstehen? – eifersüchtig geworden, auf das, was ich besessen habe.
Schlägt sich ein paar Mal mit ihrem Notizheft auf den Handrücken. Spricht aufgeregt/streng:
Das ist alles um uns herum. Es füllt die Zwischenräume zwischen den Dingen. Auch wenn sie mit dem einen oder anderen Vorhaben beschäftigt sind und es gerade nicht sehen. Es ist wie eine Krankheit. Sie denken nicht an sie und dann befällt sie einen unversehens. Was ist Klangkunst?
A: Na, anstatt mit Pinsel und Farbe mache ich Kunst mit Klängen, Tönen.
B: Aber davon bleibt doch dann nichts? Das kann man nicht im Museum anschauen?
A: Allgemein liegt mir das Flüchtige mehr.
B: Das verstehe ich nicht. Das verstehe ich nicht. Auf wiedersehen. Geht eilig weg.
A (ruft ihr nach): Einen schönen Tag wünsche ich!

Visited: Schritte auf Kieswegen. Rufe B: Ah! Na. Zwischen-Raum.

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