Der Pfad zur linken Hand revisited: Option Kunst · 6 Juli 2025 by Medusa Cramer
1 ID: Gespräche, Anstoßen mit Sektgläsern.
2 In einer Kunstgalerie. Vernissage. Mitten im plaudernden Publikum beim Aperitif.
G: So. Ich glaube, ich beginne jetzt, was meinst du? Sonst laufen uns die Leute bald schon wieder davon.
A: Soll ich dein Glas noch füllen?
G: Gerne. Danke, mein Schatz. Meine Damen und Herren! Meine Damen und Herren, liebe Freunde, lassen sie mich kurz ein paar Worte sagen.
Das Geplauder wird leiser. Im Hintergrund jedoch weiter.
Zur heutigen Vernissage von Stefan Kurer begrüße ich sie herzlich. Dass sie so zahlreich erschienen sind, freut mich außerordentlich. Lassen sie mich kurz ein paar Worte zu den Arbeiten von Stefan sagen, vielleicht gelingt es mir damit, sie vom Aperitif weg in die Ausstellung zu locken. Gelächter.
Nun, ich glaube zum ersten Mal begegnet sind wir uns an der Art Cologne. Das müsste etwa Fünfundneunzig gewesen sein, nicht wahr, Stefan? Ich sah dort deine Arbeit UFO Cologne, an dieser Gegenmesse… Sie hat mich sofort in ihren Bann gezogen, obwohl das damals ja so eher Richtung Performance ging bei dir. Stefan und seine Künstlerkollegin, wie hieß sie noch –
K: Karla Erhardt.
G: Genau – hatten dort einen Messestand eingerichtet, wo sie Tonaufnahmen einer angeblichen Ufolandung verkauften. Köstlich, ja… Ich fand das so passend und kritisch demgegenüber, worin ich mich als Galerist bewege – ich meine die Kunst und den Kunstmarkt. Es zog mich magisch an… Ich habe dann Stefan gefragt, ob er auch richtige Kunst hätte, die er bei mir in der Galerie ausstellen könnte. Einen Monat später wurde seine erste Einzelausstellung hier in der Galerie Arkadia eröffnet.
Ja… neben seiner klangkünstlerischen Arbeit zeichnet Stefan Kurer seit einigen Jahren, und die Frucht dieser Bemühungen lässt sich in dieser Ausstellung nun zum ersten Mal bewundern. Sie alle kennen Kurer als Klangkünstler, die Zeichnungen hier verkörpern für mich so etwas wie geheime Skizzen zum Geschehen in seinen Klang- und Musikwerken. Sie zeigen die vielen Pfade, die die Gedanken des Künstlers nehmen, wenn er seine Klanglandschaften entwickelt. Seit ich die Zeichnungen Stefans kenne, habe ich das Gefühl, dass das, was man hört, sozusagen nur die Spitze eines viel größeren Eisbergs ausmacht. Zustimmendes Gelächter.
Ich bin sehr froh und glücklich, dass wir diese ungemein detail- und spannungsreichen Arbeiten ihnen zeigen dürfen. Wenn sie Fragen haben, wenden sie sich ungeniert an mich. Ich wünsche ihnen viel Vergnügen und einen schönen Abend, vielen Dank, danke! Applaus. Das Geplauder setzt sich fort, das Publikum verteilt sich.
G: Ich habe wieder mal völlig abrupt abgebrochen. Nie finde ich einen adäquaten Schluss. „Die Spitze eines Eisbergs“ – welch idiotische Metapher.
A: Das war doch wunderbar, du hast das sehr schön gesagt.
G: Dummes Geschwätz – K kommt hinzu
A: Herr Kurer! Dass sie trotzdem gekommen sind!
K: Peter! Danke für deine Worte.
G: Ach Stefan, das war nicht gut -
K: Es war in Ordnung. Hast du die Schneiders auch gesehen? Ich glaube, sie wollen den „Belial“ kaufen.
G: Den „Belial“? Für den hat sich aber auch die Stadt interessiert. Aber egal, ich verkaufe denen eine andere Zeichnung. Anja, kümmerst du dich mal um die Schneiders?
A: Sofort. Zu K: Bis gleich.
G: Wie geht’s dir?
K: Du weißt, wie unangenehm mir solche Anlässe sind.
G: Ja. Trotzdem leben wir zwei von solchen Abenden. Nicht?
K: Du machst das ja gut. Meine Vorbehalte werde ich aber wohl nie los.
G: Andere sitzen den ganzen Tag in einer Bank, so entfremdet kommt mir mein Job noch nicht vor.
K: Du hast auch nie in einer Bank gearbeitet. Ich verdiene hingegen den Grossteil meines Geldes immer noch bei der Bank.
G: Na und? Denkst du, ich könnte das nicht? Mit Zahlen kann ich auch umgehen.
K: Ums Handwerkliche geht’s dabei nicht. Eher darum, es aushalten zu können. Es auszuhalten, dass einem gesagt wird, was man zu tun hat, und so weiter. Ich für meinen Teil tue mich schwer damit. Wo habe ich das kürzlich gelesen: „Ein Spiel für Betrogene mit unterschiedlichem Komfort.“
G: Mein Gott – die Sammler lassen mich doch auch spüren, wie sie sich‘s am liebsten besorgt haben wollen.
K: Dafür bist hier aber du zuständig, ich meine fürs Besorgen. Ich bin da nur am Rande beteiligt.
G: Denkst du? Und warum hängen dort nun Zeichnungen? Weil du besonders resistent gegen Hypes bist und man durchaus noch zeichnen kann heute oder weil sich das Zeug besser verkauft als dein abstraktes Gepiepe?
K: Ich nehme mir die Freiheit, etwas zu krakeln und das dem Erstbesten als Opus Magnum zu verkaufen. Ich will damit nichts für mich erreichen, denn ich habe mich bereits für die Freiheit entschieden. Die Artefakte sind da nur Gesten, die einem Lebensentwurf entspringen.
G: Ach so. Ein Lebensentwurf. Woher hast du das? Aus hundert Lebensweisheiten berühmter Künstler? Du solltest dich mehr mit der Aktualität befassen.
K: Welche Aktualität? Deine? Die des Kunstmarkts? Hier ist doch nichts auf der Höhe der Situation. Alles aufgequirlte Scheiße verblichener Künstleridentitäten.
G: Künstleridentitäten, mein Lieber, die gibt’s zum Preis einer Kunstpostkarte im Museumsshop oder für 100 Millionen bei Christie‘s. Was gefällt dir besser?
K: Das ist dein Business. Ich mache die Kunst.
G: Lassen wir es. Apropos: Ist das Geld angekommen?
K: Nein. Sie sind vom Kauf zurückgetreten.
G: Was? Das ist nicht dein Ernst.
K: Doch. Sparmassnahmen.
G: Sparmassnahmen? Sie haben doch vor einem Monat den Hirst für 20 Millionen gekauft? Fünfzigtausend für die Klanginstallation wollen sie nicht aufwerfen? Ich rufe Möller morgen an.
K: Es sei eine schwierige Arbeit. Sie meinen, dass das ihr Publikum nicht verstehen wird.
G: Schwierig? Was soll daran schwierig sein? Es ist gottverdammte Kunst. Die Kuh in Formalin ist also besser zu verstehen?
K: Was regst du dich auf?
G: Wenn ich mich nicht aufregen würde, würdest du noch deine kleine Klangquetscherkunst fürs eigene Soziotop machen und ich langweilige Künstler an langweiligen Messen verkaufen. Wir brauchen einander doch.
K: Was würdest du eigentlich tun, wenn ich plötzlich keine Kunst mehr machen würde?
G: Was denn sonst? Ein hypothetischer Gedanke. Du bist zu alt, um etwas völlig Neues anzufangen.
K: Nichts Neues. Einfach nichts. Ich sitze im Park und füttere Tauben, gehe in die Bibliothek, lese Bücher. Um fünf gehe ich in meine Bar, trinke zwei Biere und dann nach Hause. Kein Atelier mehr, keine Hoffnungen auf Erfolg, eines kleinen Erfolgs übrigens, weil Kunst wie Hirst werde ich nie machen und bleibe so in meiner Nische, worüber dann du dich aufregst. Es wäre die perfekte Freiheit, Alles loszulassen, sich nur noch den kleinen Dingen zu widmen.
G: Lass uns heute nicht im Trüben fischen, es ist dein Abend, du bist hier, also Prost!
A: Ich fische nicht im Trüben.
G: Ah! Herr und Frau Schneider! Welche Ehre, kommen sie, kommen sie! Geht ab.
Visited: Aufräumen der Gläser, die Gäste gehen.
Der Pfad zur linken Hand revisited: In der Bank Der Pfad zur linken Hand revisited: Acedia


