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Der Pfad zur linken Hand revisited: In der Bank · 16 Juni 2025 by Medusa Cramer

A: Morgen!
B: Morgen.
A Legt Schlüssel und Aktenkoffer auf den Tisch.
A: Wo ist denn das Sicherheitspersonal beim Personaleingang abgeblieben? Da steht keiner mehr.
Hängt seinen Mantel in die Garderobe, lässt sich ächzend auf seinen Drehstuhl fallen, der Stuhl federt quietschend nach.
Ich habe mich die ganze Zeit über gefragt, ob man uns hier nun eher be- oder überwacht.
Packt Dokumente aus dem Koffer.
Schon lange da?
B: Ich beginne um Acht wie alle andern.
A: Ach so. Die Präsenzzeiten; ich vergaß. Seit wir hier Kurzarbeit haben, verwischt sich für mich, was sinnvoll scheint und was nicht.
B: Auch bei Kurzarbeit haben wir um acht da zu sein, davon bist du nicht ausgenommen.
A: Geht’s hier um Zugehörigkeitssemantiken im Sklavensoziotop?
B: Besser du lässt mich arbeiten, ich sehe, wir führen wieder die Diskussion, die nirgendwohin führt.
Arbeitsgeräusche.
Übrigens: Morgen ist “Orientierungslauf.” Oben im Wald hinter der Hauptzentrale. Wir könnten doch zusammen ein Team…?
A: Ja, warum nicht? In unserer Freizeit – wir lassen uns trotz Kurzarbeit in unserer Freizeit durch einen Orientierungslauf motivieren. Das ganze Land und die Weltgemeinschaft findet unsere Bank zwar scheiße, wir aber suchen dann Posten, wo auf orange-weißen Paperbändern steht, warum das alles hier noch einen weiteren Sinn hätte, als den Wohlstand unserer Teppichetage aufrecht zu erhalten oder ihren Ab- und Weiterzug zu vergolden. Warum wird eigentlich keiner von denen mal richtig zur Kasse gebeten?
B: Weil die Teppichetage zwar in der Businessstrategie falsch lag, aber dennoch weiter macht, – ja machen muss, denn als partikuläre Leitbilder der globalen und freien Marktwirtschaft bleibt ihnen gar nichts anderes übrig, als stetig weiter zu machen, nach vorn zu fliehen. Als letzter Ausweg bliebe ihnen dann nur noch das Weingut in Argentinien.
A: Und trotzdem sitzt du brav um acht Uhr auf deinem Stühlchen.
B: Ich sehe nicht, was daran besonders revolutionär sein soll, eine halbe Stunde zu spät zu kommen. Fackle meinetwegen die Filiale ab oder kündige ganz einfach, wenn du hier nicht arbeiten willst. Vielleicht kommst du ja mit deiner Kunst vorwärts. Überhaupt: Was machen Typen wie du bei einer Bank? Lass das Sklavensoziotop doch denen, die es nicht anders wollen.
A: Du meinst Zynikern wie dir?
B: Wem auch immer, wie auch immer: Ich arbeite jetzt.
A: Na denn. Arbeit ist des Bürgers Zierde.
Tippen, Mausklicke. Das Telefon von B klingelt.
B: Hallo? Ja. Nein, noch nicht. Aber… ja. Bis zum Mittag? Nein nein, das passt schon. Gut. Wiederhören.
Atmet aus.
Dieser aufgeblasene Wicht. Warum muss es jetzt plötzlich –
A: Es interessiert mich nicht.
B: Was interessiert dich nicht? Eben wolltest du dich über die ganze Scheiße hier beschweren, du –
A: Sklavenmoral, sorry. Ich wollte mich nicht “über die ganze Scheiße hier” beschweren, ich habe lediglich ein paar laxe Entgegnungen auf deine Sklavenbemerkungen verlauten lassen.
B: Wie du mich nervst mit deiner überheblichen Art. Ich frage mich, wer –
A: “Bis zum Mittag? Nein nein, das passt schon,” hahaha.
B: Jawohl, Herr Unabhängig. Vielleicht hörst du mal auf, dir etwas vorzumachen und merkst endlich, dass auch du mit deiner Unterschrift unter die Einverständniserklärung zur Kurzarbeit am Tropf von denen hängst. Dass auch du sagen wirst: Ja, mache ich gerne, sofort, Chef.
A: Was machst du denn nun eigentlich in deiner neu gewonnen Freizeit? Statt Samstags vier Stunden nun vier Nachmittage die Woche Golfen?
B: Ich suche Arbeit.
A: Du suchst Arbeit? Was für eine Arbeit?
B: Na: Arbeit eben. Backoffice irgendwo.
A: Wozu?
B: Wozu, wozu – Weil ich eine teure Wohnung in einer teuren Gegend bezahlen und meine geleaste Karre abstottern muss, weil – überhaupt: Was soll ich denn in der ganzen Freizeit tun? Mehr Golfen ist zu teuer, eine Familie habe ich nicht, saufen ist ungesund.
A: Vielleicht müsste als erstes mal unser Verständnis von Freizeit revidiert werden. Dieser Dualismus von Arbeit und Freiheit, schon seltsam irgendwie… das klingt mittlerweile wie ein anthropologisches Paradigma.
B: Seltsam? Als man noch Fell trug, kam erst die Jagd und danach die Muße in der Höhle, nicht?
A: Vielleicht. Dennoch: Was wäre, wenn dies nur der Anfang ist? Wenn nach der Kurzarbeit die Lohnarbeit ganz hinfällig wird? Ein Gesellschaftssystem, das sich über freiwillige Arbeit konstituieren würde? … Wo zum Beispiel jeder einen Grundlohn hätte?
B: Eine reichlich utopische Vision.
A: Tatsache ist, dass immer weniger Arbeit anfällt. “Die Armee der Arbeitslosen,” wie sie Horkheimer/Adorno schon kommen sahen…
B: Jetzt kommt der hier bei der Arbeit mit Adorno. Na schön. Und was willst du damit sagen?
A: Na, zum Beispiel würden in Zukunft Automation und Robotik so vorangetrieben, dass es nirgendwo mehr jemanden auf einem Büro- oder Fabrikstühlchen bräuchte. Dann stellte sich die Frage umso radikaler, was wir machen sollen, wozu wir hier wären…. Eine interessante Perspektive: Ein Grundprinzip des Kapitalismus würde hinfällig, niemand arbeitet mehr für den Reichtum einer Minderheit, die Maschinen stellen alles her und sind immer da. Was geschähe dann?
B: Was dann geschähe? Hier, ich hab’s gerade gegoogelt, “Dialektik der Aufklärung” von Horkheimer/Adorno, lass mich vorlesen: “Nachdem man den Lebensunterhalt derer, die zur Bedienung der Maschinen überhaupt noch gebraucht werden, mit einem minimalen Teil der Arbeitszeit verfertigen kann, die den Herren der Gesellschaft zur Verfügung steht, wird jetzt der überflüssige Rest, die ungeheure Masse der Bevölkerung als zusätzliche Garde fürs System gedrillt, um dessen großen Plänen heute und morgen als Material zu dienen. Sie werden durchgefüttert als Armee der Arbeitslosen.” …Man würde sich darüber streiten, wer die Macht über die Maschinen hat und was diese für wen herstellen sollen. Und: Wer stellt die Maschinen her? Wer konzipiert sie? Steuern Maschinen dann Maschinen? Und dann Maschinen Menschen? Ein Matrix-Szenario.
A: Trotzdem. Das Wort Freiheit hätte wohl eine ganz andere Bedeutung.
B: Welche Bedeutung denn?
A: Stell dir das vor. Jeder ist versorgt, hat was er braucht zum leben und kann primär tun und lassen was er will. Eine Gesellschaft des freien Willens.
B: Ich glaube vielmehr, dass die sich in einer solchen Situation wiederfindende Menschheit umgehend mit Elon Musk auf Raumfahrt begeben müsste, ansonsten sich auf der Erde alle gegenseitig umbringen.
A: Lass uns das etwas realistischer diskutieren. Es gibt da diese Initiative… Grundeinkommen für alle. Schon davon gehört?
B: Ja. So weit ich weiß ein Kunstprojekt – selbstredend.
A: Aber ein Ansatz. Das ist das interessanteste, was mir in den letzten Jahren zu Ohren gekommen ist neben all den abgeschmackten Politideen.
B: Ich sage dir: Das wird keiner wollen. Die meisten fürchten sich doch davor, sich einer solchermaßen unbekannten Situation stellen zu müssen, schau dir Arbeitslose an. Sie fühlen sich ihrer Identität beraubt, oder Pensionäre. Das wäre dann das erste schwarze Loch, in das die Menschheit tatsächlich fallen würde. Die Kirche hätte wieder massenhaft Zulauf.
A: Zugegeben… das wäre eine große Stufe auf der Treppe der Aufklärung.
B: Aufklärung? Aufklärung ist kein Prozess mehr, sondern ein historischer Begriff aus dem 18. Jahrhundert.
A: Meinst du? Tipp mal “Aufklärung” ein. Hier, Kant, “Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung”, 1784:
“Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.”
B: Du kennst doch die Gesichter der Leute im Bus, wenn du hierher fährst. Unsere Filiale steht in dieser öden Arbeitszone, überall Betonkuben mit Leuten drin, die irgendeine entfremdete Dienstleistung erbringen. Die interessiert Herr Kant nicht, die könnten wohl auch mit einem Grundeinkommen nicht umgehen, sie -
A: Schau. Da kommt der Filialleiter-Stellvertreter.
Sicherheitstür öffnet sich.
C: Guten Morgen. Die Herren unterhalten sich? Worüber? Warum wird hier nicht gearbeitet?
B: Öh..
A: Er hat mir gerade die Charaktereigenschaften seiner Büropflanzen beschrieben.
C: Sie finden das wohl lustig. Aber es spielt sowieso keine Rolle mehr, was sie hier tun und lassen. Ihre Machenschaften sind ans Licht gekommen. Man hat ihren Email-Verkehr überwacht, sie werden sich in Kürze vor der Geschäftsleitung verantworten müssen. Ihre aufrührerischen Rundmails sind auf wenig Sympathie gestoßen, soviel ist sicher.
A: Uhh. Jetzt mache ich mir aber in die Hose. Wo hat man sie denn aufgezüchtet? In einem geheimen Nazi-Labor?
C: Sie wissen wohl nicht, mit wem sie es zu tun haben. Ich bin nicht nur ihr Vorgesetzter, unser Filialleiter ist zudem mein Vater – passen sie bloß auf mit ihren Frechheiten. Ich meine es gut mit ihnen und will ihnen helfen. Ich… ich werde aber nur denjenigen unter ihnen helfen, die mir glauben, dass der Filialleiter mein Vater ist. So.
A: Was redest du kleiner Kacker hier für eine Scheiße daher, es ist mir scheißegal, ob du es gut oder schlecht mit uns meinst, es ist mir scheiß-egal, ob der Filialleiter dein Vater oder deine Tante ist. Ich soll jetzt wohl den Bückling vor dir machen, wie? Ich werde dir gleich deine vorlaute Fresse polieren, komm her!
Steht auf, wirft den Stuhl um.
B: Halthalt, nun mal langsam. Komm Stefan, beruhige dich! Zu C: Schön und gut, aber was kann ihnen dran gelegen sein, ob wir ihnen glauben oder nicht? Wenn sie tatsächlich auch noch der Sohn unseres Filialleiters sind, dann legen sie ein gutes Wort für uns alle ein, das wäre freundlich von ihnen, lassen sie aber dieses seltsame Gerede von Glauben und Unglauben –
A: Wollt ihr mich nun alle verarschen? Der spielt sich doch nur auf, du wirst sehen. In acht Tagen sitzen wir noch hier wie heute, ohne dass sich etwas verändert hätte, und der Filialleiter weiß von nichts, wetten?
D kommt hinzu.
D: …Selbst wenn er etwas gewusst hätte, so weiß er’s nicht mehr. Er ist heute Morgen unerwartet verstorben, man hat ihn eben in seinem Büro gefunden. Herzinfarkt.
Betretenes Schweigen, A beginnt zu lachen.
C: Was? Wie… Wieso hat man mich nicht informiert?
A: Holla, holla! Herr Sohn, Herr Sohn, wie steht es mit der Erbschaft? Sind wir jetzt vielleicht deine Angestellten?
C: Ich verstehe nicht… ich. – Ich habe ihnen bereits gesagt, ich werde jeden von ihnen entlassen, der mir nicht glaubt, dass… Es spielt jetzt keine Rolle, dass er… ich meine, ich rede immer noch vom selben – verstehen sie?
B: Nein.
A: Du kannst mir den Arsch lecken.
D: Und was nun? Wie geht es denn nun weiter?
C: Die Geschäftsleitung muss unverzüglich tagen, es muss ein neuer Filialleiter gestellt werden, ich
werde – wir werden …
Geht verwirrt ab.

Visited 1:
B: Und was tun wir denn jetzt?
A: Ihr wartet jetzt wahrscheinlich an euren Schaltern, bis man euch entlässt. Schlachtbank-Vieh, muh!
D: Was bist du denn für einer? Was ist der denn für einer?
B: Lass ihn, gehen wir arbeiten. Kommst du mal mit zum Golfen diese Woche?
D: Golfen? Du spielst Golf? Der Filialleiter spielt auch Golf.
B: Ich weiß… Wir spielen -spielten! manchmal zusammen.
A: Na denn Prost. Ich gehe jetzt einen heben. Tschüß!

Visited 2: Schalterhalle, Geldautomaten.

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