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laxo II: The fever of the human voice · 2 Juli 2010, 11:02 by Medusa Cramer

„… a kind of groping experimenting, and its conception draws on means that are hard to admit, not very rational or reasonable. They are means that stem from the sphere of dreams, from the pathological process, from esoteric experiences, from drunkenness or excess. One moves towards the horizon on the plane of immanence, returns with reddened eyes, even if they are the eyes of the mind (…) One does not think without presently turning into something else, something that does not think, an animal, a plant, a molecule, a particle, things that return to thinking and start it anew.” Gilles Deleuze, Felix Guattari: What is philosophy?

Das Fieber der menschlichen Stimme

Was in der Frühgeschichte als Schamanenrituale zelebriert wurde – nämlich die Erschliessung und symbolische Kontrolle unserer Umwelt über den Rausch und die Ekstase – war zumeist musikalisch strukturiert. Viele Aspekte lassen sich auch in aktuellsten musikalischen Werken und popkulturellen Szenen finden. Gradmesser der ekstatischen Entgrenzung des musikalischen Akteurs ist zumeist seine Stimme. Sie tut uns kund, welche Stadien von Immersion und Ekstase von den Vortragenden durchschritten werden; sie vermittelt Wissen und Codes, sie verleiht dem Wort seine emotionale Bedeutung. In der Hitze des Kundtuns liegt zuweilen ein gewisses Fieber in der Stimme – ihm möchte ich in diesem iMix nachspüren. Dabei steht nicht nur die affektive, erregte, manische menschliche Stimme im Vordergrund, sondern ebenso, worauf sie sich bezieht. Ihr Klang überlagert die Wirklichkeit mit Emotionen, färbt sie damit regelrecht ein – ein Zustand, der vor allem in Drogenerfahrungen oder bei psychischen Störungen verstärkt auftritt. Die eher dunkle, surreale musikalische Reise führt durch unterschiedlichste Stadien entgrenzten menschlichen Empfindens: Rausch, Lust, Liebe, Hass, Verzweiflung, Sehnsucht: Emotionale Zustände, die unsere Welterfahrung vertiefen. “Das Fieber der menschlichen Stimme” ist eine psychotische Reminiszenz an das Duo “Klangkrieg” aus dem kühlen Hamburg, das einst eine phantastische CD mit selbem Titel veröffentlicht hat. Ganz besonders denke ich hier an meinen Freund Felix Kubin, der – das weiss fast niemand – einst Hälfte des besagten Duos gewesen ist. Und ich denke noch an einen weiteren, ganz besonderen Freund, der das Duo mit seinem Stück auf “das Fieber der menschlichen Stimme” kurzzeitig zum Trio werden liess, auch wenn dies “aus den hinteren Reihen” geschah. Wer weiss, wie er heisst, soll mir schreiben, medusaatavataradio.net, der/die Erste gewinnt ein Avatacoat-Poloshirt. Mitarbeiter der Firmen Gagarin und A-Musik sind vom Wettbewerb ausgeschlossen.

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laxo I: digital longings · 19 Juni 2010, 18:56 by Medusa Cramer

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laxo · 15 Juni 2010, 12:51 by Medusa Cramer

laxo icon

Irregular iMixes on iTunes by Medusa Cramer.

laxo
I extend, expand.
I open, make wide.
I undo, release.
I lighten, relieve, free.
I relax, moderate, weaken.
I lessen, abate.

“There is an ethical choice in favor of the richness of the possible, an ethics and politics of the virtual that decorporealises and deterritorializes contingency, linear causality and the pressure of circumstances and significations which besiege us. It is a choice for processuality, irreversibility and resingularisation.” Félix Guattari, Chaosmosis

Medusa Cramer is the spirit of antimatter, the Parashurama. Born in the coolness of at-rest data storage units, she lives on both sides of the digital mirror. Her crawl through the thicket of reality-access options leads her to encounters of various sorts, all well-documented on her blog and podcast Avataradio. Medusa is an active participant in various radio play projects, besides manning graphics for all domizil releases and publications.

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Zwischenreich. The book. · 14 Dezember 2009, 10:10 by Medusa Cramer

domizil 31, 2009
Photo Book, German, 100 pages

Observations by Medusa Cramer, captions by Tim Zulauf. Edited by domizil, Zurich, and published by Books on Demand, Norderstedt, 2009; 100 pages.ISBN 978-3-83-910522-1

Watch and order it here.

Zwischenreich is a realm of places situated in between. Here, “places” refers to settings of objects and landscapes of signs that appear at the edge of our field of vision; Our eyes are drawn sideways away from the living and towards the seemingly lifeless matter and its basic structure. The places captured are mostly characterized by emptiness, which constitutes the actual substance, the peaceful juxtaposition of objects. The mood of the scenes portrayed ranges from nostalgic memories of the past through moments of the present to the open future.

Zwischenreich is captured by Medusa Cramer’s eye: its actual location in real life is irrelevant. A reality that transcends the elusive light of the moment reveals itself now and then in one fragment or the other, leading us to think to ourselves “somewhere along the Balkan coast” – thoughts that create realms and then let them fade away. The places portrayed are ephemeral, just like our thoughts, fading and disappearing with time to make room for new ones – whatever they may be – in the present and future.

Tim Zulauf describes what might have occurred before or after the places portrayed were emptied. The result is a collection of scenes viewed from two different perspectives: The photographs depict an image and a moment which trigger thoughts that transcend the objects inherent in the image. The viewer’s thoughts dwell on the image for a moment then move on out of Zwischenreich.

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Avataradio summer droplets: Über den Dingen stehen. · 9 Juli 2009, 11:17 by Medusa Cramer

Etwas mehr als 10 Jahre ist es her, seit bei domizil unter Katalognummer 7 eine Kassette erschien, die als Heilmittel deklariert wurde. Die besten Stücke werden nun exklusiv für Avataradio als Podcast aufbereitet und während des Sommers 2009 unregelmässig wiederveröffentlicht. “Achtung Heilmittel” ist ein bunter Cut-up von Kuriosa aus domizil’s Plattensammlung und ein echter Ratgeber, um jede schwierige Lebenssituation meistern zu können…

Wir beginnen gleich mit zwei Podcasts:

I. Intro
II. Über den Dingen

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Folge II: Erdbeermund. Starring: Klaus Kinski.

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III. Nun wollen wir uns etwas bewegen.

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Folge IV: Herr sein.

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Folge V: green gorillas

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VI. Und schon kommt hier die letzte Folge: “Auch in den allerengsten Grenzen.”

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Fortuna · 15 Mai 2009, 11:55 by Medusa Cramer

Unentschlossen folge ich eine Weile der Küste, dann wieder zurück zu den blau-waschenen Lettern, die in der Nische einer in die weiße Wegmauer eingelassenen Treppe zur Hotelbar weisen. Die Schiebetür offen, auf der Theke rumliegende Saftpackungen lassen vermuten, dass die Saison erst in ein paar Tagen beginnt. Ich trete aus der Bar und schaue ratlos Richtung Parkanlage – ob ich durch sie weiter vorne wieder auf den Weg runterkomme? Der Pfad macht am Ende des Parks eine Schlaufe, kein Ausgang, also zurück.

Eine Frau kommt mir entgegen, sie blätterte, als ich in die Bar trat, auf einem Mäuerchen neben dem Hotel sitzend in einem kleinen Heft. Sie winkt mich zu sich, ich muss einen Umweg über die Weglein zu ihr nehmen, als ich bei ihr anlange, fragt sie, ob ich wüsste, welche Gottheit die Statue dort drüben verkörpere. Ich erinnere mich, da war eine weiße Figur im Lorbeergebüsch etwas weiter vorne. Schauen wir sie uns an, meine ich und als wir vor der weißgetünchten Statue auf gelbem Sockel stehen, sage ich mehr ratend: Fortuna. Dieses Füllhorn auf der linken Schulter, das seien doch die guten Dinge, die der vom Glück – von Fortuna – Gesegnete jeweils ausgeschüttet bekommt, die kleinen Früchte würden das aus dem Horn herausquillende Glück darstellen.

Sie sagt: Oh. Weil sie habe ein spezielles Problem. Sie finde immer nur alles in Fragmenten vor, zerstückelt. Eben wäre sie im Garten einer Villa gewesen, den Statuen dort fehlten allerlei Körperteile, einer Diana die Hand, welche den Jagdhund halten sollte, dem Hund selber der Kopf, immer treffe sie Dinge an, die nicht komplett seien, unerwartete Leerräume zwischen Teilen von ihnen, nichts mehr da, was sie verbinden, sie ganz machen würde. Ich bemerke, dass auch Fortuna vor uns nicht komplett ist, ein Teil ihres Füllhorns fehlt. Dort, wo das Gute irgendwie in das Horn reinkommt, klafft eine Lücke zwischen Hand und Horn.

Da fällt mir die verlassene Villa im Ort vor diesem ein, sie muss die Figuren dort meinen, in ihrem Garten parkten die Bewohner des Dorfes ihre Kleinwagen, einer schaute misstrauisch, als er mich um das Haus ohne Fenster und Böden schleichen sah. Zwischen den kreuz und quer auf die Wiese geparkten Wagen und abgestorbenem Bambus waren Statuen – eher nur noch Leibe; ihre Arme, Köpfe abgeschlagen. Die Frau vermutet, dass diese wesentlich älter da kaputter seien, vielleicht aus der Römerzeit. Ich meine: Wohl eher aus dem 19. Jahrhundert wie die österreichischen Hotelkästen hier überall an der Küste.

Ich schaue sie mir genauer an: Die Haare kastanienbraun gefärbt, violettes Trikot, Jeans ohne Gurt – eher gepflegt für eine Verrückte, denke ich. Sie spricht von ihrem Sohn, ein Wasserzeichen, Aquarius, fließend. Also eine Esoterikerin. Mir wird die Unterhaltung lästig, ich will weiter, suche nach einer Wendung, um mich verabschieden zu können. Was denn meine Profession sei? Mich im selben Augenblick über mein lächerliches Gepose schämend, lasse ich sie wissen, dass ich Künstler sei. Malerei? Nein, ich mache Kunst mit Klängen. Also Musiker? Nein, Künstler. Und so weiter; die selbstgelegte Erklärungsfalle schnappt zu.

Ob ich an Gott glaube, will sie plötzlich wissen. Etwas überrascht sage ich: Nein. Weil Künstler glauben nichts (die guten zumindest, außer an sich selbst) – ein Satz für Teilnehmer eines Malkurses, für Mäzenen-Gattinnen, du Idiot, sagt die Stimme in mir. Oh dann hätten wir keine gemeinsame Basis für unsere Konversation, entgegnet die Frau. Weil sie glaube vor allem an den Teufel. Einst wäre es ihr gut gegangen, bis jemand eifersüchtig wurde auf das, was sie besessen habe. Sie hält immer noch das kleine Heftchen in der Hand, jetzt bemerke ich die Marienbilder auf der Vor- und Rückseite. Eine sinnlose Begegnung, warum lässt man mich damit nicht in Ruhe, ich will aufbrechen.

Das sei alles um uns herum, fülle die Zwischenräume zwischen den Dingen, auch wenn ich mit diesem oder jenem Vorhaben beschäftigt sei und es nicht sehe. Wie eine Krankheit: Man denkt nicht an sie, meine, man hätte nichts mit ihr zu tun und dann befalle sie einen unversehens. Sie hätte da seit langer Zeit eine Idee, ein Projekt, ihr früherer Beruf sei Ingenieurin gewesen: Ein Hologramm soll es sein, eines mit Musik und Geräuschen der Dinge, die sich ihn ihm befinden. Ob ich wisse, wie man so etwas herstelle? Ich mutmaße dass das ein wohl eher aufwändiges Unterfangen sei; die ganze Maschinerie sehr teuer.

Sie kommt auf meinen Beruf zurück, will wissen, was denn Klangkunst sei, ich rede vom Reiz des Ephemeren, es geht noch ein- zwei Male hin- und her, dann bekommt sie genug von unserer Konversation und entlässt mich, ich steige die Treppe runter zum Wasser und folge erneut dem Weg der Küste entlang (er führt etwas später an einem weiteren, alten Grand Hotel vorbei, mit Aperitif-Bar, Öffnungszeiten 8 bis 23 Uhr, kein Alkoholausschank vor 10 Uhr morgens und völlig verwaist; die Zwischenräume zwischen den Dingen hier sind mit rotem, muffig-altem Samt ausstaffiert). Marcus Maeder

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Der Pfad zur linken Hand: Acéphale · 3 April 2009, 20:04 by Medusa Cramer

Wie versprochen kommt hier ein weiterer Auszug aus dem entstehenden Hörspieltext des Pfades zu linken Hand. Der Wanderer und sein Schatten treffen auf Acéphale.

I. Im Wald

W: Dunkel –

S: Ja. Wir kommen vom Weg ab. Hörst du?

Chor: Lasciate ogne speranza, voi ch‘intrate‘

W: Ich sehe dich nicht mehr, aber ich höre dich. Was –

Chor:

Musik-Akkorde im Stil von Morton Feldman‘s «Piano and String Quartet». Zu jedem Akkord eine Zeile, gesprochen von 3-4 Sprecher/innen:

Nel mezzo del cammin di nostra vita
mi ritrovai per una selva oscura,
ché la diritta via era smarrita.

Ahi quanto a dir qual era è cosa dura
esta selva selvaggia e aspra e forte
che nel pensier rinova la paura!

Tant‘è amara che poco è più morte;
ma per trattar del ben ch‘i‘ vi trovai,
dirò de l‘altre cose ch‘i‘ v‘ ho scorte.

Io non so ben ridir com‘i‘ v‘intrai,
tant‘era pien di sonno a quel punto
che la verace via abbandonai.
(Dante, die Göttliche Komödie, Canto I)

W: Beginnt hier jetzt die Gruselshow im Gothikwald? Spätromantik, Brüder Grimm, wie?

S: Du kannst die Kulisse hier auch als Metapher für euer Jetzt nehmen – die grossen Pläne sind abgeschrieben, selbst der schon in der Metaphysik aufgegangene Kapitalismus ist an seinem Ende, überhaupt alles hat sich in ein einziges Dickicht von Dingen, die geglaubt worden sind und immer noch da sind, verwandelt, eure „Welt“ wäre dann so etwas wie ein undurchdrungener, dunkler, von alten Geistern bewohnter Wald.

W: Ah. Und du bist dann der dunkle, allwissende Waldgeist, der an meiner Seite wandelt.

S: Der Herr der Geister –

Äste brechen im Dickicht nah, ferner.

W: Pst – Hörst du? Da ist doch jemand? Mehrere?

S: Acéphale. Sie sind heute auch unterwegs.

W: Acéphale? Pfadfinder?

S: Ein Geheimbund. Sie treffen sich bei Neumond im Wald, vorzugsweise bei einer Eiche, in die der Blitz eingschlagen hat.

W: Uhh. Und was tun die dort?

S: Eigentlich nichts. Sie stehen herum und verbrennen Schwefel. Sie tun das, um sich eine neue Spiritualität zu stiften, eine ohne Gott, eine Religion des Selbst, ein dionysischer Bund der Ausschweifung, der Ekstase und Selbstverschwendung, ohne Oberhaupt, Akephalos meint ohne Haupt, ihr Konterfei ist ein kopfloser Mann, einen Dolch und einen brennenden Granatapfel haltend, sein Geschlecht ein Totenschädel. Eine gemeinsame Innerlichkeit nach dem Tod Gottes: Sie wollen eine andere moderne Gemeinschaft stiften, als sie am Vorabend zum zweiten Weltkrieg der Faschismus offerierte. Das Problem aber heute ist, dass wir alle so atomisiert sind, keimfrei durchindividualisiert, jegliche Art von Gemeinschaft scheint heute dermassen unmöglich, dass Acéphale im vornherein nur eine Simulation, ein virtueller Pfadfinderbund ist, der sich für nächtliche Orgien im Wald und an Vernissagen trifft. Mit dabei sind ein paar Mitglieder des Collège de Sociologie, Literaten aus dem Umfeld des Surrealismus, angetrieben haben sie persönliche Obsessionen, Sehnsucht nach einer Gemeinschaft Gleichgesinnter am Vorabend der Katastrophe des Weltkriegs. Sie dürfen während der Anreise von Paris auf dem Weg in den Wald nicht miteinander sprechen, sie haben Anweisungen per Post erhalten – Schau, da vorne sind Bataille, Bibliothekar und Schriftsteller, Laure, seine Geliebte, Waldberg und Klossowski, der ältere Bruder des Malers Balthus. Sie treffen sich heute zum letzten Mal.

Bataille (verbrennt Schwefel): Acéphale ist die Erde. Die Erde unter der Kruste des Bodens ist glühendes Feuer. Der Mensch, der sich unter seinen Füssen die Weissglut der Erde vorstellt, entflammt. Eine
ekstatische Feuersbrunst wird die Vaterländer vernichten. Wenn das menschliche Herz zu Feuer und Eisen wird. Der Mensch wird seinem Kopf entfliehen wie der Verurteilte dem Gefängnis.

Pause. Schwefelfeuer, Geräusche der still Stehenden, des Waldes.

Der kritischen Phase der Zersetzung einer Zivilisation folgt regelmässig eine Wiederzusammensetzung, die sich in zwei unterschiedlichen Richtungen entwickelt: Der Wiederherstellung der religiösen Elemente der zivilen und militärischen Souveränität, die die Existenz an die Vergangenheit ketten, folgt oder ist gepaart die Geburt freier und befreiender heiliger Gestalten und Mythen, die das Leben erneuern und aus ihm das machen, was sich in der Zukunft abspielt, was allein einer Zukunft angehört.

Stets, wenn es befiehlt, wagt das Lebendige sich selber dran. Ja noch, wenn es sich selber befiehlt: auch da noch muss es sein Befehlen büssen. Seinem eignen Gesetze muss es Richter und Rächer und OPFER werden –

Laure: OPFER! Ja. Opfert mich! Ich bejahe den Tod, ich will heute getötet werden!

Klossowski: Laure, bitte.

Bataille: Schweigt! Schweigt.

Wenn einer hier das Recht hat, geopfert zu werden, dann ich. Mich sollt ihr töten! Mein Tod wird uns für alle Zeit aneinander binden, ich verlange, geopfert zu werden! Waldberg, töte mich jetzt! Hier, der Dolch. Tu es.

Waldberg: Geht das schon wieder los. Wie ihr mich nervt. Die Sache hier ist für mich vorbei, ich kann das nicht mehr, ich schäme mich für dieses lächerliche Affentheater, es gibt keine praktizierbare Religion mehr für gar niemanden. Machts gut. (will gehen)

Klossowski: Komm Waldberg, warte einen Moment. Wir haben bei unseren Treffen hier immer geschwiegen. Lasst uns ein letztes Mal noch sprechen.

Bataille: Es ist verboten, zu sprechen! Tötet mich! Nicht sprechen jetzt!

Klossowski: Georges, sieh es ein, es ist vorbei, das hier bringt nichts mehr. Lassen wir die Sache bleiben.

Waldberg: Da draussen ist die grosse Krise und wir machen hier den Affen im Wald und drucken ein nutzloses Intellekuellenblättchen. Wie ich mich nur auf eine solche Idiotie einlassen konnte.

Bataille: Idiotie? Eine Idiotie? Du bist aus Amerika angereist, um hier mitzumachen, du –

Laure: Widersinn. Das war es doch, was wir praktizieren wollten, warum behagt euch das plötzlich nicht mehr? Ihr… ihr – langweilt mich. (geht)

Waldberg: Da. Bitte. Unser williges Opfer eins geht. Wie steht‘s mit Opfer zwei?

Bataille: Ich kann gar nicht sagen, wie ihr mich enttäuscht. Wir sind fertig miteinander, das sage ich euch. Adieu. (geht)

Waldberg: Und da geht der Kopf der kopflosen Gesellschaft. Ein Jammer. Gehen wir auch, Pierre?

Klossowski: Behalt deinen Sarkasmus für dich, es ist vorbei, ok, und du hältst jetzt auch deine Klappe. Gehen wir. (Beide gehen)

Bataille, weit vorne, beginnt zu singen, Laure stimmt ein, sie verhallen in der Ferne.

W: Ich frage mich, ob dieses Bedürfnis nach „Spiritualität“, dem „Sakralen“ nicht einfach herbeigeredet ist, ein Macht-Trick , eine Argumentation des Mangels, des zum Lebensglück Fehlenden, da wird doch latent Epressung damit betrieben, Moment, da habe ich Nietzsche:

(Filmton ab Mobilephone, Gartenwirtschaft, leichte Salonmusik im Hintergrund:)

Nietzsche: …Giebt die Religion eine unschätzbare Genügsamkeit mit ihrer Lage und Art (der Dienenden), vielfachen Frieden des Herzens, eine Veredelung des Gehorsams, ein Glück und Leid mehr mit Ihres-Gleichen und Etwas von Verklärung und Verschönerung, Etwas von Rechtfertigung des ganzen Alltags, der ganzen Niedrigkeit, der ganzen Halbthierarmut ihrer Seele. Religion und religiöse Bedeutsamkeit des Lebens legt Sonnenglanz auf solche immer geplagten Menschen und macht ihnen selbst den eigenen Anblick erträglich… (Jenseits von Gut und Böse)

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Ende, Anfang · 16 Februar 2009, 12:17 by Medusa Cramer

Das war “Tenderenda der Phantast” nach Hugo Ball von Marcus Maeder, Marc Matter und Bernd Schurer. Bis zur nächsten Podcast-Serie machen wir einen Moment Pause hier bei Avataradio. Im Mai geht es weiter mit den “Wunschmaschinen” in 8 Folgen. Verpassen Sie nicht die Taufe der DVD “Die Wunschmaschinen” im Cabaret Voltaire in Zürich am 18. März 2009, 20:00. In der Zwischenzeit treffen Sie mich auf Anfrage im Zweiten Leben: medusa(at)avataradio.net. Und ja, weitere Auszüge aus dem “Pfad zur linken Hand” machen einen Besuch hier vor Mai lohnenswert…

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Tenderenda der Phantast: Herr und Frau Goldkopf · 10 Februar 2009, 12:00 by Medusa Cramer

Ein astrales Märchen. Eine Art himmlischen Puppenspiels. Drei Teile lassen sich deutlich unterscheiden. Der erste: ein mystisches Erlebnis der Eheleute Goldkopf. Eine weiße Lawine kommt ihnen zu Besuch, eine sich steigernde Reinheit und Helle wächst ihnen zu. Ihr Haus liegt über dem Abgrund und an der Fabelwiese, auf der der Buchstabenbaum einhergeht. Das ist jener Baum, von dem die poetischen Adam und Evas essen. Zärtliche Allegorien in Tiergestalt treten auf. Traumhaft die Notenständer des Lachens, die Tenderenda bei Lebzeiten verteilte. Der zweite Teil ist die Ballade von Koko dem grünen Gott. Das ist der Phantastengott. Von ihm kommt alle Glückseligkeit, solang er in Freiheit die Flügel schwingt. Setzt man ihn aber gefangen, so rächt er sich durch Verzauberung derer, die ihm die nächsten waren. Der dritte Teil ist ein Epilog des Ehepaars Goldkopf. Es schüttelt den Staub seiner Zeit von den Füßen und prophezeit ein Ende der Gottlosen und der Verzauberung. Den Kehraus macht, wie es recht und billig ist, ein Vers des Herrn Dichterfürsten Johann von Goethe.

Episode IX: 11:16 min., 10.3 MB, MP3, Umsetzung: Marcus Maeder

Laden Sie hier den Podcast.

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Der Pfad zur Linken Hand · 5 Februar 2009, 08:31 by Medusa Cramer

Wie bereits angekündigt kommt hier ein erster Auszug aus dem entstehenden Drehbuch des Hörspiels und Musiktheaters “Der Pfad zur linken Hand”. Konzept und Text sind im Fluss, im Werden begriffen, hier ein erster Beschrieb des Vorhabens:

Der Pfad zur linken Hand ist ein Begriff aus der indischen Mythologie und bezeichnet religiöse und weltliche Praktiken, welche dem etablierten, homogenen, dem ‚rechten‘ Glauben gegenüberstehen. In Indien und in anderen Kulturkreisen werden die sogenannten „schmutzigen“ Tätigkeiten mit der linken Hand verrichtet, es darf etwa nur mit der rechten Hand gespiesen werden. Im Westen wird der Begriff für die Bezeichnung von Strömungen verwendet, welche sich mit Archetypen des Heterogenen, des Leib-Haftigen – des öfteren mit der Figur des Teufels – beschäftigen. Das Hörspiel “der Pfad zur linken Hand” lässt den Hauptprotagonisten, den Wanderer, auf Abwegen wandeln, in Begleitung seines Schattens: Nach Dantes erstem Canto der “Divina Comedia” findet sich der Wanderer in der Mitte seines Lebens in einem undurchdringlichen Forst wieder. Sein Begleiter führt ihn an realen und fiktiven Figuren vorbei, ihrerseits Irrläufer auf der Suche nach Sinn und Gemeinschaft, begeht mit ihm Wald, Weltall, Stadt und Wüste, nomadisiert durch gegenkulturelle Lebenskonzepte und Erkenntnisstrategien und hält Schau auf eine in Auflösung begriffene, radikal individualisierte Gegenwart der Perspektivismen, in der “alles, was geglaubt worden ist” (Deleuze) sich in ruinösem Zustand befindet, aber nach wie vor da ist – “Décadence” als intensive Erfahrung der Unmöglichkeit des Religiösen, Spirituellen, die Unmöglichkeit des Entwurfs einer neuen Gemeinschaft, der Zementierung der immer gleichen Machtverhältnisse, der trügerischen Utopie des wissenschaftlichen Fortschritts. “Die Wüste wächst, wehe dem, der Wüsten birgt”! – das Motto Nietzsches gilt für diesen Gang auf den verschlungenen Pfaden zur Linken; der Silberstreif am Ende des Pfads zeigt sich im Nomadischen, im Verlassen des Territoriums, nicht Aussteigertum, eher in der latenten, geistigen Mobilität, in der Wandlung, der Selbst-Verwandlung in den Vielheiten des eigenen Subjekts.

“Der Wanderer und sein Schatten”: Die Textpassage aus Nietzsches “Menschliches, Allzumenschliches” fungiert als Klammer zu Beginn und am Ende des Spiels, der Wanderer verläuft sich im Wald und trifft da auf die unterschiedlichsten Kreaturen und Gruppen:

—-

Der Schatten: Einen Mächtigen, nämlich König Midas, trieb eine Frage, er hörte einst vom weisen Silen, Freund des Dionysos, und er beschloss, ihn einzufangen, um von ihm zu erfahren, was denn des Menschen höchstes Glück sei. Dort schläft er, bei der Quelle, betrunken wie immer –

Der Wanderer: Es wird Tag.

Silenos liegt für eine Weile schnarchend am Boden neben einer Quelle. Von verschiedenen Seiten nähern sich Schritte im Laub. Die Häscher von König Midas schleichen sich heran. Ein Signal ertönt, er wird gepackt und gefesselt, Silenos, überrascht, gibt halb Tier- halb menschartige Laute von sich, Geräusche eines Kampfs. Ein Offroader nähert sich, Türen klappen; Midas kommt hinzu.

Midas: Silenos. Habe ich dich endlich.
Silenos: grunzt Tierlaute
Midas: Es ist offenbar nicht schwer, einen alten Saufaus wie dich einzufangen.
Silenos: Lasst mich. Was willst du, Midas. Ich hab dir nichts getan.
Midas: Du schuldest mir eine Antwort, du erinnerst dich?
Silenos: Ich weiss nicht wovon du redest. Lasst mich!
Midas: Ich will dir helfen. Wir sprachen vor einiger Zeit darüber, was für den Menschen das Allerbeste sein könnte. Du hast dich damals davongestohlen und wirst mir nun eine Antwort auf meine Frage geben.
Silenos: Du lässt mich einfangen, um mit mir Konversation zu treiben? Seid ihr verrückt? Lasst mich los!
Midas: Lasst ihn.
Silenos: wischt sich die Kleider
Midas: Nun?
Silenos: Was hat einer wie ich schon zu sagen, ich weiss nicht, was dir meine Meinung nützen soll. Ich gehe jetzt. Tschüß!
Die Männer halten Silenos erneut fest, gescheiterter Fluchtversuch, man dreht ihm den Arm auf den Rücken, Silenos schreit vor Schmerz.
Midas: Er hat mich nicht verstanden. Er soll mir jetzt eine Antwort geben, sonst lasse ich Pferdesteak aus ihm machen.
Silenos: Ahh! Hört auf, was weiss ich denn, es hat doch jeder seine eigene Vorstellung davon, was für ihn das Allerbeste ist. Nun lasst mich!
Midas: Wir hätten aber gerne eine etwas genauere Aussage, das versteht er doch, unser Silenos. Er wird sie jetzt treffen, sonst gehts ihm schlecht.
Silenos: Aaah! Nicht meine Ohren! Hört auf! Hört auf!
Midas: So? Wird‘s bald? Muss man dir erst ins Bein schiessen? Schiess ihm ins Bein.
Silenos wird zu Boden gestossen. Ein Schuss. Silenos schreit, stöhnt, man packt ihn und hebt ihn auf zu Midas.
Midas: Spucks aus, Pferdegesicht, wirds bald.
Silenos: schweigt verbissen.
Midas: Soll ich dich erst aufschlitzen lassen? Sag es mir jetzt, du Missgeburt –
Silenos (Verzweifeltes Lachen bricht aus ihm): Hahahaha! Elendes Eintagesgeschlecht, des Zufalls Kinder und der Mühsal, was zwingst du mich dir zu sagen, was nicht zu hören für dich das Erspriesslichste ist? Das Allerbeste ist für dich gänzlich unerreichbar: nicht geboren zu sein, nicht zu
s e i n, n i c h t s zu sein. Das Zweitbeste aber ist für dich – bald zu sterben.

Der Schatten: Zeit für eine kleine Flugreise, wir verlassen den Wald.

Eine grosse Schleuse im Boden wird rostig-quietschend aufgezogen, beide steigen die Sprossen einer Eisenleiter hinunter, klettern durch eine Luke ins Innere einer alten Rakete. Inbetriebnahme, Start und Flug.

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