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Entäußerung - Ein Fragment · 26 Dezember 2014 by Medusa Cramer

Mit diesem Aufheben der Äußerlichkeit fällt die Zeitbestimmung
und alle Gründe weg, die aus meinem früheren Konsens oder Gefallenlassen
genommen werden können.

Hegel, Rechtsphilosophie, 1821


1. Die Herberge

So war er angekommen:

Nichts als seinen graublauen Rucksack, den er an einer Schulter trug, die Haare ungekämmt, sein auf andere zuweilen naiv oder unsicher wirkendes Lächeln aufgesetzt ¬– so betrat er die Herberge.

Hätte ihn jemand beachtet und eines genaueren Blicks gemessen, so wäre sein Äußeres als leicht verwahrlost zu beschreiben gewesen – zumindest nahm er selbst sich so wahr. Ver-wahr-lost: lost Wahrheit – verlorene Wahrheit. War das der treffende Beschrieb seines Zustands bei Ankunft? Nein, keineswegs hatte er etwas verloren, das man in einen Zusammenhang mit irgend einer Wahrheit hätte bringen können. Er war am Vortag aufgebrochen, hatte die Tür seiner Parterrewohnung abgeschlossen, um sie – vielleicht! nie wieder aufzuschließen, einfach losziehend, um zu schauen, wohin ihn eine Reise ins Ungewisse bringen würde. Er setzte sich in einen Bus, dann in einen Zug, der in die nächste Stadt fuhr, dann wieder in einen Bus, dem er am frühen Abend vor der Herberge entstieg. Besondere Gründe, warum er sich gerade für diese Stadt entschied, existierten keine – genau so wenig, wie es einen konkreten Anlass gab, dass er den Ort seines bisherigen Lebens einfach so verließ. Er hatte sich, einer Laune folgend, dazu entschieden, seinem Leben, wie er es ausdrückte, per sofort eine etwas experimentierfreudigere Ausganglage angedeihen zu lassen.

Nicht dass er unzufrieden gewesen wäre oder sich gar in einer fundamentalen Krise wähnte; seine Arbeit als Systemadministrator in einem größeren Industriebetrieb mochte er leidlich, regelmäßig besuchte er die Spiele der lokalen Fußballmannschaft, war nicht liiert – jedenfalls nichts Festes, hatte ein paar Freunde, die eher jünger waren als er. Ein Junggeselle in den frühen Vierzigern ohne Midlife-Crisis-Symptome, wenn auch mit einer angeborenen Skepsis gegenüber allzu positiven Weltbildern und optimistischen Lebensentwürfen und mit dem einzigen, ihn wirklich plagenden Problem, sich von Zeit zu Zeit einsam zu fühlen. So deutete wenig darauf hin, dass er mit seinem bisherigen Leben brechen würde – seinen Aufbruch verstand er denn auch nicht als eigentlichen Bruch, da er einen solchen Akt als übertrieben und melodramatisch abgetan hätte.

Bevor er in seinem Herbergszimmer frühabends in tiefen Schlaf fiel, erklärte er sich sein Handeln denn auch nur als das Befolgen einer plötzlichen Eingebung, deren Hintergründe sich vielleicht unterwegs zeigen würden oder gar nie.

Als er frühmorgens im Speisesaal der Herberge an seinem Kaffee nippte, da musste er erst lächeln, dann ohne Laut in sich hinein lachen; es schüttelte ihn geradezu. Aber was erheiterte ihn? Es war das schiere Verschlagensein an diesen Ort, jedenfalls erschien ihm dieser Umstand als plausibelster Anlass seiner Heiterkeit. Kindergruppen, Familien, eine Lebendige-Welt-Atmosphäre erfüllte den Raum. Das fand er irgendwie witzig, auch erwärmend, ja, es war ihm ausgesprochen wohl hier als Ankömmling und Beobachter am Rande der allgemeinen Lebendigkeit. Eine ganz andere, stille Lebendigkeit schien zudem die Herberge auszufüllen: Die schiere Menge von Gästen, die dieses Haus schon gesehen hatte – jeder von ihnen schien etwas in den Räumen zurückgelassen zu haben. Es waren nicht spezifische Spuren, etwa ins Holz der Zimmerwände eingeritzte Namen oder obszöne Zeichnungen in den Toiletten; vielmehr war es die allgemeine Abgenutztheit der Kanten des Mobiliars, der Teppiche und Wände, der im Holzgestell neben dem Empfang aufgereihten Gästebücher. Es war der Herberge anzusehen, dass sie nicht nur den einen oder anderen anonymen Existenzen und Gefühlen Heimat geboten hatte, sondern wie ein Durchlauferhitzer während all dieser Jahre – Jahrzehnte! Ort der zahllosen glücklichen und unglücklichen Erlebnisse war. Nie für längere Zeit, denn niemand blieb hier lange – lange war nur die Zeitspanne, in der sich alle diese Episoden akkumulieren konnten. Ewiger Ort des Ephemeren…

Ein Gedanke ängstigte ihn plötzlich: Ob durch zu langes Hierbleiben zu befürchten wäre, dass er selbst zum lebendigen Inventar des Vorübergehenden würde? Derlei Gestalten schlichen nämlich bereits in der Herberge umher. Schon früh hatten sie ihre Plätze im Speiseraum – vermutlich immer dieselben – eingenommen, jeder vor sich eine Tasse Kaffee, die eintretenden Gäste mürrisch ignorierend. Im Gegensatz zu ihm begrüßten sie den Tag nicht. Es schien ihm, als sei die Nacht ihnen angenehmer, was immer sie dann trieben (wahrscheinlich schliefen sie einfach wie alle anderen). Jedenfalls hegte er keine Gefühle der Solidarität mit diesen „Stammgästen“, wohl auch deswegen, weil er spürte, dass er sich nicht nur äußerlich nicht wesentlich von ihnen unterschied.

Was nun also: Hier bleiben oder weiter ziehen? Ihm war nicht klar, was er hier suchte – einfach nur sich in Gesellschaft zu begeben oder war er auf das Gefühl aus, immer wieder an einem unbekannten Ort zu Bett zu gehen und aufzuwachen – draussen eine unbekannte Welt: Als Privatpionier seiner Erlebniswelten durch wechselnde Kulissen zu ziehen? Er entschied sich, dieser Vorstellung trotzend, vorerst zu bleiben – was war zu verlieren? Tage auszuhalten war er sich gewohnt. Und vielleicht ergab sich ja die eine oder andere Gelegenheit einer interessanten Beobachtung.
Anderes, andere zu beobachten war ihm sehr viel lieber als sich selbst in seiner Isoliertheit spüren zu müssen. Er traute sich nicht, ja beargwöhnte sich, insbesondere seinen Körper, bisweilen. Was, wenn er irgendwie krank wäre?

Eine Gruppe in den Frühstücksraum eintretender Gäste wischte diese Gedanken vorläufig weg. Die Herberge schien seinen voyeuristischen Gelüsten zu entsprechen: Vier bärtige, offensichtlich schwule Männer, zwei von ihnen einen kleinen Hund an der Leine, nahmen am Tisch vor der Hesse-Vitrine Platz (die Herbergsbroschüre erzählt, Hesse habe hier in verblichenen Zeiten mit dem damaligen Eigentümer des Hauses ein paar Monate durchgezecht – der Frühstücksraum wurde diesem Umstand Rechung tragend das Hesse-Zimmer genannt). Die bärtigen, stämmigen Kerle in ihren Karohemden boten einen erheiternden Anblick mit ihren zierlichen Zwergenhündchen. Diese Gruppe schien aus zwei Paaren mit ihren Hundekindern zu bestehen…

Er hatte nichts gegen Schwule, nur schon eine solche Vergewisserung war ihm zuwider. Im Gegenteil: Jegliche von der Norm abweichende Form der Lebensführung war ihm willkommen. Es kam ihm aber in seinen sporadischen Beobachtungen der Schwulenszene immer öfters so vor, als dass er sich grundsätzlich in ihr täusche, denn, so argwöhnte er, schienen die allermeisten Schwulen darauf bedacht zu sein, so viele Parameter einer bürgerlich-heterosexuellen Existenz zu erfüllen wie nur möglich, auch wenn solche Bestrebungen im Detail auf das heterosexuelle Publikum (oder wer war als Beobachter mitgemeint?) bisweilen exotisch wirkten – überhaupt: Warum aus seiner sexuellen Orientierung eine Identität herleiten? Aber vielleicht täuschte er sich da und hatte schlichtweg keine Ahnung davon, wie unterschiedlich sich Lebensweisen realisieren und legitimieren. Genau genommen waren die anderen Gäste im Raum, mehrheitlich in Outdoor-Kluft und in froher Erwartung bevorstehender Naturerlebnisse, genauso oder eher noch fragwürdiger in ihrer Welthabe – jede Gruppe repräsentierte auf ihre Weise eine allgemeine Gesellschaftsverfassung: Alles war ihm durchtränkt von kaufbaren, konsumierbaren Lebensentwürfen, den Accessoires, seien es Hunde oder Wanderjacken, die stellvertretend für dies oder jenes standen. Bärte oder Nassrasur – darum drehte sich die Zurschaustellung zeitgemäßer Formen der Selbstbestimmung.

Als er den Speiseraum verließ, schob er sein Tablett etwas zu hastig in die Geschirrablage beim Ausgang – Gläser klirrten. Kurze Blicke streiften ihn, sie fühlten sich unangenehm an, obwohl sie ihn nicht maßen, mehr dem auffälligen Laut galten. Schnell entschwand er in den Flur, steuerte sein Zimmer an, doch dann überlegte er sich es anders und bewegte sich zum Ausgang der Herberge zu. Draußen, vor der massiven Holztür, hielt er kurz inne. Wohin?

Durch den Wald.

Die Herberge säumte ein Wäldchen, er hatte sich bereits bei seiner Ankunft vorgenommen, dieses zu erkunden – keine Waldesstille, weil vom Verkehr umbraust, aber ein Schutzgürtel, ein Zwischenraum.


2. Teil der Umwelt werden

Er ging ein Stück auf dem asphaltierten Weglein, das von der Herberge zur Busstation führte. Einer plötzlichen Eingebung folgend, schritt er nach ein paar Metern ins Unterholz. Seine Schuhe teilten das dürre Laub, nach ein paar Schritten blieb er stehen. Er war sich bewusst, dass er für Passanten ein seltsames Bild abgab – dort steht ein Mann im Wald, Mama…

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